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Das blaue Flackern

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ISBN: 3473312975   ISBN: 3473312975   ISBN: 3473312975   ISBN: 3473312975 
 
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Das blaue Flackern (Teil 2)

„Schaut her, ich wußte es doch, daß ichs finde !“, sagte Cer. Alle hörten nun wie gebannt seine Worte.
„Der Sensor, seht, wie er herangegangen ist !“, sagte Cer, und Steve plapperte sofort in seine Worte : „Was ist daran besonders ?“.
„Ich objektiviere...“, sagte Cer schnell, und drückte ein paar Schaltflächen, womit er eine größere Übersicht schuf. „Es ist doch so, daß der Zeitanomalie-Sensor antiradial vorgeht, stimmts , Sir ?“, sagte er zu Freeman.
„Ja, das ist so...“,antwortete Freeman, und fing an zu staunen, über Cer’s Modell, wie jeder im Raum.
„Genau, der Zeitanomalie-Sensor passt sich zwar Anomalien an, wie ich sagte, aber er tut das eben in einer antiradialen Weise !“, erklärte Cer, und fügte weiter hinzu : „Der Sensor hier, fing ebenso an. Je näher er aber kam, desto mehr verformte sich seine Herangehensweise. Als hätten die Kraftwirbel den Zeitanomalie-Sensor manipuliert. Der Zeitanomaliesensor schreitete so voran, als ob er den Wirbeln folgen würde, und nicht nur, als ob er sich diesen anpassen würde. Es ist wie eine Möbiusschleife, wo eine Seite in die nächste übergeht, und nicht feststellbar ist, wo die Stelle des Überganges ist. Die Wirbeln haben einerseits eine Ertastung zugelassen, andererseits formten sie aber auch die antiradiale Herangehensweise des Sensors um.“, sagte Cer begeistert.
„Ok, und was heißt das, Cer ?“, sagte Steve.
„Nun, verstehen sie nicht ?“, fragte Cer etwas spottend, denn das war nun nicht zu übersehen. Steve aber hatte keine Geduld für solche insektoiden Spielchen.
„Nein, verdammt nochmal – das ergibt keine Lösung für unsere jetzige Lage !“, schrie Steve, Cer an.
„Dann schauen sie mal zu den Daten des Zeitanomalie-Sensors.“, sagte Cer ruhig, und zeigte zu dem Bildschirm mit den vielen Nullen.
„Natürlich!“, sagte Freeman, als ob er es verstanden hätte. „Das ist es – das ist unsere einzige Chance !“, schrie Freeman hektisch. Er war wohl der Einzige, der verstanden hatte, was Cer eben gesagt hatte, und gemeint hatte. Ich und all die anderen blickten auf jeden Fall nicht durch.
„Captain, hier Abteilungsleiter Freeman von A5, könnte ich den Lagebericht haben ?“, fragte Freeman den Captain über seiner Konsole. Der Captain antwortete nicht, sondern drückte offenbar nur schnell auf „Übermittlung“. Das war zwar kein Lagebericht, aber wir konnten „Live“ mitverfolgen, was sich auf der Brücke tat. Hektisch lief jeder dort herum. Befehle zuckten wie Blitze von einem Ende der Brücke, zum Anderen, und ein sehr großes, fast schwarzes Raumschiff füllte den Großteil des Hauptschirms. Rot verriet eine schwindende Zahl dessen Entfernung: 3.450.230 Kilometer.
„Captain, bei allem Respekt, ich würde keinen diametralen Fluchtweg vorschlagen. Wir sind da auf etwas draufgekommen.“, sagte Freeman unterwürfig.
„Ich wills nicht wissen – sagen sie was sie vorschlagen.“, sagte Jack hektisch.
„Ziehen sie eine Archimedes-Spirale zum Phänomen hin – zum Zentrum des Phänomens.“, sagte Freeman.
„Das haben wir sowieso bald vor. Der Energieschirm des Schiffes hindert uns am Entkommen.“, sagte Jack, und wurde vom Fähnrich unterbrochen : „Captain, das Schiff hat angehalten !“
„Macht nichts, Kurs beibehalten. Dadurch gewinnen wir vielleicht wieder etwas Abstand.“, sagte Jack.
„Captain, das Schiff ruft uns !“, sagte ein Offizier, der ausserhalb der Kameraperspektive war.
„Geben sie durch !“, sagte der Captain. Und sobald ertönte es auf der totenstill gewordenen Brücke : „Wir sind die Antaraner. Geben sie auf und kapitulieren sie sofort. Dann können wir garantieren, daß 10 % der Besatzung am Leben bleiben werden.“
Der Captain und all die anderen blickten verwundert. Der 1. Offizier sagte schnell zum Captain : „Die Antaraner gibt’s nicht mehr !“
„Verdammt das weiß ich !“, sagte Jack. „Trotzdem hält er sich entweder für einen, oder er will seine Identität nicht preisgeben. Auf jeden Fall hilft uns das nicht weiter.“, fügte Jack hinzu.
„Freeman, wie lautet ihre Lösung !“, fragte der Captain den Abteilungsleiter ungeduldig.
„Wir haben herausgefunden, daß unser Zeitanomalie-Sensor uns vor den Kraftfeldern des Phänomens schützen könnte.“, sagte Freeman.
„Könnte ?“, sagte Jack lakonisch.
„Ja, „könnte“ – aber es ist unsere einzige Chance !“, sagte Freeman.
„Hören sie zu Freeman: was unsere einzige Chance ist, entscheiden wir hier !“, sagte Jack wütend.
„Was sagt ihr dazu ?“, fragte Jack die Offiziere. Sie schienen ratlos zu sein.
„Ok, Kanal zum Antaraner-Schiff öffnen.“, befahl Captain Jack Tail.
„Kanal offen.“, sagte wieder eine nicht im Sichtfeld liegende Stimme.
„Antaraner-Schiff, sie befinden sich auf erobertem Gebiet der Menschenföderation. Das wurde per Definition und Gesetz am 20. März 20023 beschlossen. Wir haben die Zustimmung des Antaranerrates hier zu forschen.“, sagte der Captain mit Bestimmtheit, und wollte wohl Zeit gewinnen, oder hatte damit was vor.
„Menschen-Schiff: diese Bedingungen sind unbekannt. Sie haben keine Forscherbewilligung in diesem Sektor, an diesem Phänomen, die zu uns vorgedrungen ist. Sie haben eine Minute ihrer Zeitrechnung, um zu kapitulieren.“, sagte die Stimme aus dem unbekannten Schiff.
„Zumindest wissen sie selbst nicht, was das Phänomen ist.“, sagte Jack.
„Vermutlich ist dies hier nur ein Aussenposten. Ein Phänomen, daß sie sich sichern wollten, und keinen ranlassen wollten.“, sagte ein Offizier.
„Das bedeutet noch mehr...“, sagte Jack, und setzte fort : „die Antaraner in diesem Schiff, sind wohl keine Antaraner. Sie waren bestenfalls Antaraner. Vermutlich spricht ein Programm mit uns. Aber das heißt nicht, daß es für uns ungefährlicher ist. Es hat wohl keinen blassen Schimmer mehr, daß es keinen Sinn mehr macht, das Phänomen zu bewachen.“
„Ah, das war ihr Trick, sie wollten wissen wie authentisch die dort drüben sind.“, sagte der junge Fähnrich, und Jack lächelte, als ob er clever erscheinen wollte.
„Wollen wir hoffen, Freeman, daß sie recht hatten.“, sagte Jack noch kurz zu unserer Abteilung, und befahl dann vollen Schub zum Phänomen.
Das Antaraner-Schiff aber nahm sofort die Verfolgung wieder auf und ladete seine Waffen. Ich blickte zu Cer rüber, an dem man selten eine Gefühlsregung sehen konnte, aber auch er schien jetzt Angst zu haben. Er war in einer gebückten Haltung, beide Arme halb drohend, halb den Kopf schützend, gehoben. Und ich blickte zu Jane, die vielleicht gerne ihren Kopf an meine Schulter gelegt hätte. Ihr stand die unaushaltbare Spannung ins Gesicht geschrieben.
Wir waren noch 4 Millionen Kilometer vom Phänomen weg, da schoß das Antaraner-Schiff zwei Salven auf uns ab. Die eine traf uns nicht. Die andere streifte uns, und unseren Schutzschild durchzuckten unzählige grüne Blitze. Noch zwei Salven wurde abgeschossen, und ich merkte das die Eurynome sich drehte, um den Salven auszuweichen. Jedoch war eine Salve ein Volltreffer, und es löste unseren ganzen Schutzschirm auf, und ein Teil kam zur Hülle vor. Es kreischte, als ob das ganze Schiff auseinanderbrechen würde, gleichzeitig mit einem Erdbeben, welcher uns Angst und Schrecken einflößte.
„Wie weit noch ?“, fragte der Captain.
„Zwei Komma Fünf Millionen !“, sagte der Fähnrich.
„Turbulenz ?“, fragte der Captain erneut.
„Keine.“, sagte der Major.
„Verdammt, wir könnten es schaffen. Navigator, steuern sie, als ob sie um ihr Leben steuern. Es ist ernst.“, sagte der Captain zum Navigator. Der Navigator sah nicht den Schaden am Raumschiff, aber er glaubte Jack blind, denn er sah nur nach hinten und nach vorne, auf seinen zwei Bildschirmen. Schadensberichte bekam der Captain jedoch unzählige. Jeder fühlte, wie ernst die Lage war.
Als wir anderthalb Millionen Kilometer nah waren, und das Antaranerschiff etwa eine halbe Million Kilometer, ging ich hin zu Jane, egal was sie, oder die anderen dachten. Ich nahm ihre Hand. Nichts weiter. Und sie erfasste meine Hand, und drückte sie. Wohl aus Angst, aber ich hoffte, daß ich ihr ein kleinwenig Beruhigung war. Ich hätt’ sie gerne auch in die Arme genommen, aber ich sah, daß ihr das unpassend gewesen wäre.
„Turbulenz ?“, fragte der Captain immer wieder angespannt.
„Nein, keine.“, sagte der Major.
Wir blickten zu Cer. Er verlor etwas Angst, durch seine Freude, daß seine Idee klappte. Vermutlich würde er wohl viele hundert Verdienstpunkte dafür bekommen. Wenn wir überleben.
„Seht da !“, sagte Steve, und zeigte in die Richtung des Schiffhecks. Die Fenster erlaubten gerade noch soviel, in die Richtung schauen zu können. Da war das gigantische Antaraner-Schiff. Es kam ins Trudeln. Wie unsere Sonden zuvor. Diese waren wohl vom Antaraner-Schiff nicht wirklich beachtet worden. Nun aber war es das Antaraner-Schiff, welches mit seinem Kurs und Lage kämpfte. Es verringerte seine Geschwindigkeit, um seine Lage besser kontrollieren zu können, aber es half nichts. Solange er auf uns zusteuerte, kam er immer näher in die Kraftwirbel, dessen Ursprung wir noch immer nicht kannten. Einmal hob sich das Heck des gegnerischen Schiffes. Einmal zog es nach rechts oder links. Mit einem andernmal hob sich der Bug und das Schiff begann zu rotieren. In immer mehr Richtungen, während es auf uns zusteuerte. Nun schoß es unzählige Male auf uns, obwohl seine Laserbatterien nicht ganz aufgeladen waren. Doch jeder Schuß verfehlte uns, auch wenn die Schüße nicht den Wirbeln unterworfen waren. Licht und andere Strahlen, waren dem Phänomen offenbar nicht unterworfen. Verwunderlich , bei einer Raumanomalie, wie Cer ja meinte. Ich schaute noch eine Weile dem sich windenden starken Schiff zu, bevor ich dann eine neue Zahl hörte :
„300 000 Kilometer, Captain“,kam es von der Brücke und ich blickte wieder zum Bildschirm, welches diese darstellte.
„Folgt es uns noch ?“, fragte Jack.
„Nun, wenn man es so nennen kann : Ja.“, sagte der Major.
„Wir können nicht abdrehen, solange es noch intakt ist.“, sprach Jack in den Raum.
Und plötzlich flackerte dieses bläuliche Licht des Phänomens wieder auf. Es war hell. Viel heller. Es war ungewohnt. Irgendwie bedrohlich. Aber Jack schien keine Angst zu haben, seit er daran glaubte, daß Cer’s Idee funktionierte. Das der Zeitanomalie-Sensor eine Art Kompensator für diese Kraftwirbel war.
Ich hielt nun Jane’s Hand auch fester. Dieser verfluchte Jack wollte sicher in dieses bläuliche Flackern rein. Nie hätte er diese Chance vom Forschungskomitee bekommen. Und er wiegte sich in seiner Sicherheit. Er dachte, es wäre ein Kinderspaziergang, mit diesem Sensor. Sicher, wir hatten wirklich keine Turbulenzen. Wir flogen wie durch gewöhnliche Leere. Aber ich war keiner, der es darauf ankommen lassen wollte. Zumindest jetzt nicht wo es um Jane’s Leben, und das meine ging.
„Wie weit ? , fragte Jack erneut.
„100 000 Kilometer“, antwortete man ihm.
„Ok, macht euch bereit, wir fliegen rein !“, befahl er. Daraufhin blickten ihn die Offiziere unsicher und mißtrauisch an, aber er war schließlich der Captain.
Kurz darauf merkte ich ein Blitzen in meinen Augenwinkeln, und ich richtete meinen Blick wieder zum Antaraner-Schiff. Es war ein Teil abgebrochen, und hatte nun wirbelnden Kurs, daraufhin zerbrach auch dieser Teil. Der größte Teil jedoch schoß noch immer Salven, und war offenbar noch intakt.
Der Captain wiegte sich in einer ungewohnten Sicherheit, und befahl, langsamer zu werden. Das blaue Flackern sah nun aus, wie bläuliche verwirbelte Blitze die eine Art in-alle-Richtungen-drehenden-Ring bildete. Durchfliegen konnte man offenbar nicht. Aber das schien Jack nicht zu stören.
„20 000 Kilometer. Captain, Kontakt in 10 Sekunden !“, sagte der Fähnrich.
„Schub auf Driften umstellen, bei Zehntel Geschwindigkeit.“, reagierte Jack, und stützte sich konzentriert auf sein Pult, die pulsierenden Blitze anstarrend. Vom Pulsieren entstand der Eindruck, daß es flackerte. Auch wenns nach Gesetzmäßigkeiten pulsierte, die auf den ersten Blick nach Zufall erschienen.
Innerhalb ein, zwei Minuten standen wir fast still, und die Blitze stülpten sich von selbst über unser ganzes Schiff. Ich verlor den Blick zum Antaraner-Schiff, daß sichtlich schon große Probleme hatte, und kaum kampffähig schien.
Die Blitze wurden immer weniger, und verwandelten sich in blaue Gebilde, die wirkten, wie Lichtreflexionen am Meeresgrund. Sie schienen uns zu umtanzen, und Jane schaute auf sie, wie auf ein Wunder. Ein wunderschöner Anblick sie dabei zu sehen... wie ihre grauen Augen glänzten, in diesem schönen Lichtertanz, der an den Fenstern hereinkam.
Bald aber löste sich dieses blaue Lichtermeer auf wie ein Vorhang, und eine bizarre Landschaft tauchte auf. Die Eurynome-9 lag am Boden. Es flog nicht mehr. Wir blickten alle hinaus, wie in eine fremde Dimension. Ob es eine war, wußten wir jedoch nicht. Ein blasrosa Himmel wölbte sich über uns. Eine gelbe Sonne stand nicht mehr sehr hoch, und tauchte viele Wolken in ein Gelb. Vom Weltraum, dem Antaraner-Schiff oder unserer Galaxie war nichts zu sehen.
„Wo sind wir hier ?“, kam es von der Brücke, doch Freeman schaltete die Verbindung ab, sodaß ich eine Antwort nicht mehr hörte. Vermutlich konnte niemand antworten. Freeman schien selbst überwältigt von dem Ganzen zu sein. So überwältigt, daß ihn alles andere nur störte.
Steve und Cer fassten sich am schnellsten. Steve versuchte gleich ein paar Meßungen zu machen. Das versuchte Cer zwar auch, jedoch ging er wohl etwas klüger vor, indem er erst einmal die Daten der anderen Abteilungen abrief. Freeman kümmerte sich darum gar nicht. Karl wiederrum nahm schnell seine Kamera, und begann Schnappschüße aus dem Fenster zu schießen. Ich mußte kurz lachen, als er jedoch auf mich schaute, machte ich eine Handbewegung, daß er ruhig weitermachen soll. Er fasste das Ganze wohl als eine Art, unverhofften Urlaubs-Trip auf. Ich ging näher zu einem Fenster, um den nahen Boden zu sehen. Es sah aus wie Perlmutt.
„Da !“, sagte Steve, und zeigte in Richtung Schiffsbug. Ich blickte hin, und sah eine Art Stadt. Riesige Zylinder, die aus Glas zu sein schienen, ragten empor zum Himmel. Sie alle waren durchsichtig,und hatten verschiedene Höhen. Ob darin wer wohnte, konnte ich aus der Entfernung nicht sehen.

Jack schickte zuerst das Sicherheitsteam zu dieser Glasstadt los. Sie kamen am nächsten Tag zurück, und hatten die ganze Zeit auch Funkkontakt zu uns gehalten. Sie erzählten, es gäbe keinen Grund zur Besorgnis. Sie trafen auf Wesen, die sehr nett zu sein schienen. Die Wesen, so konnten auch wir mithören, hatten uns alle in die Stadt eingeladen. Jack und die Offiziere spielten jedoch noch immer mit dem Gedanken, daß es Antaraner sein könnten. Man wußte ja nicht, wie sie aussahen. Die Wesen sagten jedoch, sie seien Emoni. Von Antaranern hätten sie noch nie etwas gehört. Jack und die anderen ließen ihre Befürchtungen fallen. Erstens hätte eine Stadt der Antaraner ein beschädigtes Forschungsschiff schon längst erobern können. Zweitens sah Jack keinen Sinn dahinter, wieso Antaraner sich als eine Rasse namens Emoni ausgeben sollten. Also gab Jack den Befehl zum Ausschwärmen. Nur das Sicherheitspersonal blieb an Board. Ich beschloß, mit Jane die Stadt zu erkunden. Sie nahm das Angebot freudig an...

Als wir ausstiegen, konnte ich den Boden genauer ansehen. Er wirkte wie festgefrorene Wasserwellen, aber es war kein Wasser. Es war schließlich gar nicht kalt. Dieser Boden war überall, soweit ich sehen konnte. Hügel, Bäume, Sträucher oder andere Vegetation sah ich nicht. Ich nahm Janes Hand, und sie schenkte mir darauf ein schönes Lächeln. Zur Stadtgrenze war es etwa 4 Kilometer. An der Hälfte des Weges, kam ein gläsernes Gefährt zu uns hergeflogen. Es hatte die Form eines Zylinders, und darin schienen zwei weißgekleidete sitzende Gestalten zu schweben. Sie setzten direkt vor uns, vorsichtig auf und stiegen aus dem Gefährt. Sie hießen uns in Namen aller Enomianer willkommen. Nun sah ich auch, daß sie nackt waren und eine enorm weiße Hautfarbe hatten. Als ob sie gerade frisch gestrichen worden wären. Ihre Augen waren etwas größer als unsere, und grün, mit einem Funkeln darin. Aber sie lächelten wie wir und waren uns auch sonst sehr ähnlich. Sie boten uns an, uns dahinzufliegen, wohin wir wollten. Und sie erklärten die Funktionsweise ihres Gefährts. Sie hätten es uns wohl auch ohne Zögern überlassen. Ich wunderte mich über die Ruhe und Freundlichkeit, die sie ausstrahlten. Ich konnte mir nicht vorstellen, daß sie uns reinlegen wollten. Ich fragte sie, wie es käme, daß sie keine Hügel und Täler hätten. Der eine blickte lächelnd zu mir, und sagte, Emonis sei eine künstliche Welt.
„Eine künstliche Welt ?“, kam es unwillkürlich aus mir. Er nickte nur. Ich fragte nach seinem Namen. Er antwortete : „8341ster Be-Uli-tal“. Ich fragte, ob sein Name eine Bedeutung hätte. Er sagte, er wäre die 8341. Generation, aus dem Paar Be und Uli. Tal aber bedeutete, er sei das dritte Kind seiner Eltern. Ausserdem bestimmte bei ihnen das männliche Geschlecht den Namen des Kindes.So also formten sie ihre Namen. Ich fragte sie weiters, wie lange sie leben. Er sagte zu mir, das sie 800 000 Sonnen leben würden. Sonne und Tag aber hatte bei ihnen das gleiche Wort. Da ihr Tag, wie wir bestimmten etwa 2 Erdentagen entspricht, werden sie offenbar um die 4500 Jahre alt. Ich fragte sie weiters, wer ihre Welt gebaut hätte. Das Wesen antwortete : „Die Vultu haben diese Welt geschaffen, vor 9 Milliarden Sonnen. Die Emonianer waren Gefangene zu der Zeit. Verbrecher. Die künstliche Welt war eine Verbannung – ein Gefängnis. Wärter waren nicht erforderlich. Auch eine stete Energiezufuhr nicht. Sie schufen die Welt, als ein geschlossenes System von Energie. Eine lange Zeit lang kam immer Nachschub von neuen Häftlingen. Doch irgendwann hörte das auf. Wir schlossen daraus, daß es die Vultu aus irgendeinem Grund nicht mehr gab. Nur die Vultu wußten aber, wie man zwischen den Welten reisen konnte. Inzwischen haben wir uns selber eine Kultur geschaffen. Keine Sorge, wir sind nicht mehr die Verbrecher, die unsere Vorfahren waren. Bauen können wir nicht. Ein Computer, den wir noch nicht verstanden haben, gibt uns, je nach unserer Entwicklung das, was wir brauchen. Der Computer ist lernfähig, und das ermöglichte uns, daß wir geistig nicht stagnieren. Er ist uns wohlgesonnen, kontrolliert uns aber gewissermaßen. Dadurch hatten wir mit der Zeit keine Verbrechen mehr, weil wir uns mit dem Computer verändert haben.“.
Auf die Frage, ob sie an uns keine Fragen hätten, lächelte mich das Wesen nur an. Ich aber hatte noch viele Fragen, aber wir waren schon am Ziel der Fahrt. Zumindest dort, wo wir hinwollten. Sie dankten uns, daß sie helfen durften, und boten uns an, das Gefährt zu überlassen. Ich wollte schon sagen : „Nein, danke.“, da hatte Jane schon zugestimmt, und ging zum Cockpit. Ich kannte mich absolut nicht aus da vorne. Vermutlich weil ich meine Zeit eher mit Fragen verbrachte, während Jane alles beobachtete. Sie winkte zu mir, ich solle nach vor kommen. Die zwei Wesen jedoch gingen in ein ebenfalls zylindrisches Glasgebäude, in der Nähe. Ich hätte sie lieber doch noch mehr ausgefragt. Jane aber wollte sich offenbar die Stadt genau ansehen. Im Cockpit war ein Pult, welches nur zwei Bedienelemente hatte. Das waren zwei tiefer liegende Kreise. Sie legte jeweils zwei Finger in die Mitte beider Kreise. Sie bewegte die rechten zwei Finger etwas nach vor, und wir hoben ab. Jane begann laut zu lachen, als ob sie in einer Achterbahn wäre. Ein bißchen spielte sie auch mit den Richtungen, durch ihre linken zwei Finger und amüsierte sich dabei. Dann aber sauste sie mit enormer Geschwindigkeit durch das Dickicht der gläsernen zylindrischen Gebäude.
„Du hättest Jägerpilot werden sollen.“, sagte ich mit einem unbehaglichem Lächeln. Sie lachte wieder, und zog die Kurven schärfer. Ich blickte unter mir, und da waren unzählige weiße Wesen auf den Straßen. Auch in den Gebäuden schienen viele zu schweben, obwohl sie sicher auf Glasböden gingen. Ich wunderte mich, daß sie anscheinend keine Schamgefühle kannten. Plötzlich kreischte Jane, und ich riß meinen Kopf nach vorne : unmittelbar vor uns war ein Gebäude, und unser Gefährt drohte hineinzukrachen. Kurz bevor wir jedoch zusammenkrachten blieb das Gefährt einfach stehen, ohne das wir nach vorne geworfen wurden. Jane war noch immer fahl vor Angst.
„Jane, alles in Ordnung ?“, fragte ich sie.
„Ehm ja..danke...ich sollte wohl doch keine Pilotin werden.“, sagte sie mir mit erzwungenem Lächeln. Eine Weile lang blinkte eine rote Scheibe neben dem Steuerpult. Dann aber hörte es auf, und Jane konnte weiterfliegen. Sie flog nun viel vorsichtiger. Man konnte dadurch auch mehr sehen. Die vielen gleichartigen Gebäude mit den Wesen darin, begannen uns aber schnell zu langweilen. Wir beschlossen zu landen, und neue Kontakte zu knüpfen. Mit den fremdartigen Wesen zu sprechen, war viel interessanter, als eine Stadtbesichtigung. Wir landeten also, und verließen das Gefährt, welches nach einer Weile abhob, und in irgendeine Richtung wegflog. Wir gingen zwischen den Wesen, und sie sprachen in einer unbekannten Sprache zueinander. Interessant war es uns, daß sie zu uns in unserer Sprache sprechen konnten, wann sie wollten. Zuviele Fragen hatten sich in meinem Kopf angesammelt in dieser kurzen Zeit. Jane, fasste selbstsicher Einen am Arm, und erkundigte sich, wo das Stadtzentrum wäre. Dieser aber lächelte nur, und sagte : „Sehr weit weg.“. Diese Antwort verblüffte sie, und ließ ihn wieder los.
„Was heißt : sehr weit weg ? Wieso sagte er keine Richtung ?“, fragte mich Jane, ich aber zuckte nur mit den Achseln. Wir versuchten als Nächstes in ein Gebäude zu gehen. Wir nahmen gleich das Nächstbeste. Wir traten ein, und bald kam ein kugelförmiges Gebilde, von der Größe eines Fußballs, auf uns zu. Es war ebenfalls aus Glas . Und es sprach zu uns...
„Willkommen, kann ich euch behilflich sein ?“, sagte es.
„Wir suchen den Platz, wo man am meisten über Emonis und Emonianer erfahren kann.“, sagte ich bestimmt.
„Folgt mir ! Ich führe euch zu unserer Bibliothek.“, sagte es mit netter, etwas kindlicher Stimme, und flog vor uns her. Im Gebäude führte eine Spiraltreppe in einen unterirdischen Gang. Dort sahen wir ein schier unendliches Netz von Glasröhren. Der Boden der Oberfläche und Untergrund voneinander trennte schien nicht einmal 30 cm dick zu sein. In den Glasröhren, waren unzählige Zylinder, die Emonianer beförderten. Ich sah auf den Boden, auf den ich nun stand. Er war ebenfalls aus Glas, und ich sah unter mir wohl tausende, wenn nicht mehr, Ebenen, voller Glasröhren. Wir gingen nur wenige Schritte, und die Kugel führte uns zu einer Öffnung eines Glasrohres. Dort kam innerhalb einiger Sekunden auch schon ein Gefährt, wie das, in welchem wir schon waren, an. Der Unterschied jetzt war nur, daß die Kugel im Cockpit saß, und wie durch Geisterhände, das ganze Gefährt lenkte. Zugegeben, viel geschickter und schneller, als Jane. Ich schätzte, wir flogen mit über 400 km/h durch die Röhren. Irgendwo kamen wir an, die Kugel stellte sich wieder vor uns, und führte uns zu einer Wendeltreppe. Wir erstiegen sie, und sahen eine riesige Halle, die nun ein gekippter Zylinder zu sein schien. Die Halle hatte offenbar zig Stockwerke. Ich sah an ihrer Spitze auch noch kleine weiße Wesen. Auf unserer gegenwärtigen Ebene schien eine Art Empfangshalle zu sein. Ab der ersten Ebene, sah ich Wesen, die gläserne Kästen durchstöberten, in welchen jedoch keine Bücher zu sein schienen. Die Kugel flog wieder weg, als wir zu lange auf einem Platz standen, und nur staunten. Ich entschloß mich zum ersten Stockwerk zu gehen. Ich stieg also eine Wendeltreppe hinauf, dicht gefolgt von Jane, die sich daweil umsah. Im ersten Stockwerk angelangt, waren wir aber genauso ratlos. Ich ging zu einem der Kästen hin. Er bestand ganz aus Glas, hatte eine Art Raster eingeritzt, welche Rechtecke bildeten, und in ihnen waren fremde Symbole eingraviert. Ich ging zu einem Wesen hin, und bittete ihn, mir zu zeigen, wie ich ein Buch lesen könnte. Die anderen schienen ja nur mit Fingern die Symbole zu berühren. Aber bei mir geschah da nichts. Er sagte zu mir, ich solle einmal von oben nach unten in einem Feld die Symbole entlangstreichen, und die Augen geschlossen halten. Ich tat wie er sagte, und als ich den Finger entlangzog, erschien vor dem Schwarz meiner Augenlieder ein lebendiges Bild. Als ob ich in eine andere Welt getretten wäre. Eine Geschichte begann. Ich wechselte Perspektiven, schaute manchmal aus dem Blick des Hauptdarstellers, und war überhaupt im ganzen Geschehen drin. Schnell öffnete ich die Augen, um mich zu vergewissern, daß ich noch bei Jane war. Das Abenteuer verschwand, und ich erblickte wieder die Glashalle. Und Jane, wie sie eines der Bücher auch gerade „las“. Das Wesen, das mir geholfen hatte, war jedoch weg. Als ich das Buch wieder berührte, wußte es offenbar, wo ich stehengeblieben war, und ich sah mir ein Ereignis an, wo ein Emonianer durch eine Art Wettbewerb um die Gunst einer Dame kämpfte. Und ich konnte meine Gedanken hören, wenn ich „zurückblättern“ , „stehenbleiben“ , oder anderes wollte. Sofern es das Buch befolgen konnte, konnte ich meine Gedanken hören. Nach einer Weile, ließ ich das Buch los. Ich befürchtete nämlich, ich hätte Stunden verschwendet, aber als ich auf meine Uhr schaute, schien es nicht viel später zu sein als vorher. Als Jane mit einem Buch fertig war, blickte sie sich suchend um nach mir. Sie schien glücklich zu sein. Es war ein schöner Anblick. Ich vergaß einen Augenblick die Bibliothek, und sah sie nur an. Wie sie mit geschlossenen Augen die Erlebnisse in den Büchern genoß. Wie sie manchmal lächelte; wie sie manchmal ihr Gesicht anspannte. Es schien so, als würde sie träumen.
Nach einer Weile bekam ich aber ein schlechtes Gewissen, und beobachtete wieder das Treiben in der Bibliothek. Es schienen alle zufrieden zu sein. Ich überlegte mir, ob Menschen hier leben könnten. Ob ich hier neu anfangen könnte ? Nein, ich würde wohl wahnsinnig werden von all diesen durchsichtigen Gebäuden. Die Welt war interessant, aber zu fremd, das ich darin leben könnte. Wir mußten es zurück schaffen. Zurück ? Wie ? Plötzlich ergriff mich Panik. Das blaue Flackern konnten die Emonianer ja sicher nicht erklären, wenn sie diese Welt seit sovielen Generationen nicht verlassen konnten. Ich fragte mich, was wäre, wenn wir zu dem Emoni-Computer gehen würden, und sagen würden, daß wir den Schlüssel zu dieser Welt haben. Könnte es uns antworten ? Würde es uns antworten wollen, oder uns als Bedrohung sehen ? Ich konnte meine Gedanken nicht ordnen. Ich bekam Angst vor dieser Welt.
Ich mußte Jane finden. Ich fand sie auch schnell, und holte sie weg von den Büchern, von denen sie jedoch sehr begeistert zu sein schien. Ich sagte ihr, ich wolle zurück zum Schiff. Sie hatte das nicht sehr freudig aufgefasst, aber sie folgte mir. Den ganzen Weg zurück konnte ich nur daran denken : wie kommen wir wieder zurück ? Es gab hier kein Flackern, an das man sich anstimmen hätte können. Und wenn’s eins gab, wußten wir nicht wo. Verdammt, wir würden ein Leben lang hier festsitzen !
Jane sah es mir an, daß mich etwas sehr bedrückte. Sie wollte es erfahren, aber ich wollte es ihr erst am Schiff sagen, auf A5, vor allen anderen. Alle betraf dieses Problem.
Auf der Eurynome angekommen, waren die meisten noch immer nicht da. Wir waren wohl die Ersten die zurückgekommen waren.
„Was willst du , Dan ?“, fragte mich Jane vorwurfsvoll.
„Weißt du wo wir sind ?“, fauchte ich zurück, und fügte hinzu : „wir sind in einem verdammten Gefängnis ! Wir haben uns selbst eingesperrt, verdammt nochmal – so dumm waren nicht mal die Antaraner – einfach wo reinzureisen, wo es keine Rückfahrkarte gibt !“.
Jane erschrak und das erschreckte mich. Diese Sache traf sie wohl zu hart. Vielleicht war es auch die Art, daß ich es ihr schimpfend sagte. Vielleicht hatte sie auch nicht zugehört, als die Wesen uns in die Stadt flogen. Ich entschuldigte mich sofort bei ihr. Sie aber hatte ihre gute Laune offenbar verloren. Nun wünschte ich, es ihr nicht gesagt zu haben. Sie war zu jung, um es ihr so hart zu sagen – verdammt. Vermutlich las sie in der Bücherei ein paar Schnulzenromane. Halt das typische für Frauen. Ich war nicht darauf gefasst, daß sie anders denken könnte als ich. Das sie diese neue Welt auf eine ganz andere Art kennenlernen wollte als ich. Es tat mir wirklich leid. Und nach einer Weile sah sie das auch an mir, und sie verzeihte mir indem sie mich umarmte, und ihren Kopf an meine Brust schmiegte. Ich hielt sie fest, und streichelte sie. Ich machte mir vielleicht mehr Sorgen um sie, weil wir nicht wegkommen – weniger um mich. Ich hatte nicht viel mehr vom Leben zu erwarten.
Kurz darauf kam Freeman zur Tür herein. Cer, sein Begleiter ließ nicht lange auf sich warten. Cer hatte so eine schwebende Glaskugel mitgebracht, und noch einige fremdartige Utensilien.
Freeman sah, daß ich was sagen wollte.
„Was ist los, Dan ?“, fragte er etwas ermüdet.
Ich erklärte ihn die Tiefe der Situation. Freeman hatte diesen Gedanken schon vor mir gehabt, wie er mir erzählte. Die Dramatik der Lage habe ich ihm aber klarer gemacht. Nun stützte er verzweifelt seinen Kopf mit der einen Hand. Cer nahm unser neues Problem aber typischerweise als Herausforderung an. Die ganze Nacht verging mit einer Diskussion über dieses Problem. Wir hatten einfach keinen Ansatzpunkt. Aber irgendwie mußten es die Vultu auch geschafft haben. Und das war unser Strohalm der Hoffnung...

Die nächsten Tage verbrachten ich, Cer und Freeman mit diesem Problem. Jane, Steve und Karl aber vergaßen schnell dessen Dramatik, und trieben sich in der Glasstadt rum. Das erste Mal, seit ich Freeman kannte, sah ich von ihm Respekt. Er hatte mich als gleichwertig mit den anderen des Schiffes anerkannt. Ich wurde fast eine Art Freund sogar. Aber es half nichts. Ebenso wie beim blauen Flackern, fanden wir keine Lösung. Vor allem : wenn die Emonianer es in zig Millionen von Jahren nicht geschafft haben, dann werden wir es wohl nicht von einem Tag auf den anderen schaffen. Aber wir hatten einen Vorteil gegenüber ihnen : wir hatten eine unabhängige Technologie auf unserem Schiff zur Verfügung. Die uns hier in einer künstlichen Welt aber nichts zu nützen scheinte. Freeman gab als erster von uns Dreien auf. Jane und die anderen verfolgten das Ganze nur nebenbei immer. Manchmal küßte sie mich von hinten auf die Wange, und ging dann wieder fort.

An einem Nachmittag kam Jane herein, und meinte, mir etwas zeigen zu wollen. Ich hatte auch nicht mehr viel Lust, an diesem Gordeus-Knoten zu arbeiten, und ließ Cer alleine. Es war eine entgültige Kapitulation zugleich. Verdammt, es war ja nicht nur Cer da. Die anderen arbeiteten ja auch am Problem, und Freeman hätt’s mir sicher auch nicht übel genommen, daß ich aufgab.
Ich stieg mit Jane in einen dieser zylindrischen Gefährte. Es war gleich beim Schiff. Sie hatte ihn wahrscheinlich zum Herweg genutzt.
Wesentlich geschickter und sicherer, als beim ersten Mal, flog sie zur Stadt hin. Sie flog durch die Stadt, zu einem hohen zylindrischen Gebäude, der sich interessanterweise mal dadurch unterschied, daß er umgeben war von unzähligen kreisrunden Plattformen – auf jedem Stockwerk sicher ein Dutzend, wenn nicht mehr. Die Stockwerke aber konnt ich nicht abschätzen.
Jane hielt unten am Boden. Sie führte mich, an der Hand haltend in das Gebäude. Schnell kam eine Glaskugel zu uns her, und fragte, was sie für uns tun könne. Jane sagte, sie wolle einen freien Platz. Und so führte uns die Kugel zu einem Stockwerk, zu einer freien Plattform. Auf dem Weg dahin sah ich, wie weiße Wesen sich abnorm auf ihnen bewegten, und Handlungen machten, die für mich nicht nachvollziehbar waren.
Auf der Plattform waren einige gläserne Werkzeuge, die wie Fächer aussahen. Jane nahm einen in die Hand.
„Setz dich.“, sagte sie sanft. Sogleich aber zeigte sie mit dem Fächer hinter mir, und ein Fels erschien. Ohne zu wissen, was sie vorhatte, setzte ich mich auf den kürzlich aufgetauchten Stein. Sie setzte sich eng neben mir.
„Was hast du vor ?“, fragte ich, doch sie machte nur eine Geste, daß ich still sein soll. Sie schloß ihre Augen, und zog den Fächer in schwingenden Bewegungen durch die Luft, und es schien mir, daß durch den Fächer sich eine Landschaft aufbaute. Eine Landschaft aus ihren Gedanken. Nach und nach verschwand alles Glas um uns. Nach und nach, gab es nur die Landschaft und uns beide. Es war eine irdische Landschaft. Nicht fern, da war ein See. Um uns herum aber zirpte und summte es. Die Sonne der Erde strahlte warm von links auf die eben geschaffene Landschaft. Ich roch den Duft des Feldes. Den Duft von Sommer. Ich fühlte einen zarten Wind. Alles war so wirklich. Anders, als ich das Buch las. Und Jane war da, und ich war da.
„Gefällt es dir ?“, fragte sie, aber ich wußte, daß ich nicht antworten brauchte.
„Es scheint dir vielleicht so, als hätte ich nicht über all das alles nachgedacht. Aber ich habe es. Und das ist die Antwort.“, sagte sie, und zeigte in die Landschaft.
Ich tat mir schwer es zu begreifen. Wollte sie etwa hier bleiben ? Ich fragte sie danach...
„Wieso nicht ? Was willst du in deiner Vergangenheit suchen ? Da draussen in unserem Universum wohnt dein Unglück. Hier könntest du glücklich sein. Ich würde gerne mit dir hier glücklich sein. Wir haben hier alles und sind von nichts abhängig.“, antwortete sie.
Ich fühlte, daß ihre Antwort auch länger hätte sein können. Aber sie wollte den Augenblick eher genießen. Ich bekam ein schlechtes Gewissen. Ich fing nun auch an nachzudenken über ihre Philosophie.
„Dan, sie haben hier alles. Ich habe gesehen, wie sie aus Bechern trinken, welche nie leer werden. Sie drücken Kunst in Gedanken aus, die an unsichtbaren Orten bleiben, man muß sich auf diese Orte nur stellen, und man kommt sich vor, als sei man in diesen festgehalteten Gedanken. Sie erfahren Gefühle des anderen, indem sie einander mit Glashandschuhen berühren. Es ist wundervoll. Wenn du das alles gesehen hättest, was ich sah... vergiß doch die Eurynome-9. Das Paradies ist hier. Hier...“, sagte sie und presste mir einen Kuß auf die Lippen. Sie hatte mich berührt. Mit einem Glashandschuh. Sie liebte mich. Ich fühlte diese fremde Liebe so stark, als ob sie mich fest umarmt hätte. Gerade weil es eine ganz andere Liebe war, wirkte es wohl so gewaltig. Ich war becirct. Benommen von dieser Verführung. Ich öffnete meine Augen, und blickte zum Feld, und mir fiel die Erde ein. Mir fiel Schmutz ein. Mir fiel der Gestank von Gorms Bar ein. Ja es waren minderwertige Dinge, aber es waren Dinge, die mich definierten. Es war kein Zufall, daß diese Dinge mich umgaben. Ich habe sie erworben durch mein Leben. Und sie waren nichts wert, aber sie repräsentierten mein Leben. Mein Ich. Ich war ein Mensch – vielleicht ein dummer Mensch, aber gegen diese Überzeugung war das schöne Paradies, das mir eine Illusion aufzwingen wollte, machtlos.
„Du , es stimmt schon. Ich dank dir ja für das alles. Aber ich will mit meiner Vergangenheit leben können. Ich bin ein Teil meiner Vergangenheit. Freeman, das Forschungskomitee und alles andere ist keine schöne Welt, aber sie ist das, wodurch ich nicht den Verstand verliere. Das was mich wissen läßt, daß ich ich bin.“, sagte ich geschickter als ich gedacht hatte.
„Willst du nicht all das vergessen ? Schlag ein neues Kapitel ein !“, sagte sie fast enttäuscht über mich.
„Du bist zu jung. Ach, verdammt, du hast mehr verdient als eine Träumerei mit einem alten Loser wie mir. Du hast noch ein gutes echtes Leben vor dir. Und nicht nur das. Wir sind noch immer unterm Kommando von Captain Tail und Freeman. Wenn sie einen Weg zurück finden, müßen wir ihnen folgen, egal was wir beide wollen. Wir sind Menschen und zwar Mitglieder unserer Föderation. Wir sind ihnen verpflichtet, und sie werden uns zwingen, wenn wir anders handeln. Ich wünscht ich könnt’ unsere Welt ändern für uns, aber ich kann es nicht !“, sagte ich. Eigentlich dachte ich, hätte ich mich dadurch geschickt ausgedrückt, aber Tränen sammelten sich in ihren Augen. Nein, soweit wollt ich es nicht kommen lassen. Egal, ob passend oder nicht : ich küßte sie. Es war ein Kuß der Sehnsucht. Vielleicht auch ein Abschiedskuß von einem Paradies. Sie wehrte sich kurz, weil sie den Augenblick sicher nicht ganz so passend sah. Dann aber ließ sie es zu. Ein inniger Kuß enstand. Ein schöner Kuß. Als ihre weichen Lippen sich von den meinen lösten, weinte sie nicht mehr.
„Du hast recht.“, sagte sie fast schon kalt. Das verriet mir, daß sie sich noch immer nicht damit abfand. Ich aber wußte nicht mehr zu sagen. Ich hielt sie nur in meinen Armen und versuchte dadurch, ihre Gedanken darum zu verscheuchen. Nach einer Zeit schien das zu wirken, und sie lächelte wieder, und wir genoßen noch viele Stunden eher verspielt die Landschaft.
Am Abend, als wir wieder zur Eurynome flogen, trommelte uns Freeman zusammen. Cer hatte offenbar eine Lösung gefunden. Jane sah mich an, als ob sie mir nun recht geben wollte. Trotzdem war eine Enttäuschung in ihrem Blick. Cer stand wieder in seiner stolzen Pose.
„Die Lösung ist im Grunde ganz einfach. Wir dachten zu kompliziert. Der Sensor hatte im Grunde durch Kompensation ein Abbild von den Wirbeln erzeugt. Ähnlich wie ein negativer Gipsabguß.“, sagte Cer in fast schon gewohnter Begeisterung.
„Ok, aber der Sensor ist nicht aus Gips. Er war auch nur angepasst, während die Wirbeln ihn anpassten. Das hast du uns selbst noch gesagt.“, sagte Steve wieder mal als Gegenpart.
„Ja, aber wir haben die Daten !“, sagte Cer.
„Ja, die Nullen.“, spottete Steve unsicher, denn Freeman verzog keine Miene.
„Ja, die sind nicht wichtig. Die Sonden die wir schickten, beschrieben durch ihre Zerstörung die exakte Form des Gesamtwirbels. Dadurch läßt sich ja eine Gleichung erschließen, die die Wirbeln beschreibt.“, antwortete Cer geschickt.
„Klar, aber was hat das nun mit unserem Weg nach draussen zu tun ?“, fragte ich ausnahmsweise mal, und Steve nickte zu mir.
„Wenn wir die Erkenntnis nehmen, daß die Wirbeln eine Art Tor und Schloß zugleich in diese Welt waren, dann liegt die Vermutung nicht fern, daß ein Gegenstück dazu, Tor und Schloß zu unserer Welt wäre.“, sagte Cer.
„Brilliant !“, staunte Karl.
„Captain Tail wurde alles schon gesagt. Er meint, da das Antaraner-Schiff vermutlich schon zerstört ist, stünde nichts im Wege, in’n paar Tagen zu starten. Die Schäden sind auch alle repariert, und für eine ausgiebigere Untersuchung dieser Welt brauchts sowieso mehr Mittel. Und die werden wir wohl alle durch die Verdienstpunkte bekommen.“, sagte Freeman begeistert. Jane schien diese Idee vom wissenschaftlichen Ausschlachten dieses „Paradieses“, als welches sie diese Welt ohne Zweifel ansah, aber nur noch melancholischer zu machen.

Die nächsten Tage, fand ich Jane nur arbeitend an ihrer Station vor. Sie war zu einer kalten Forscherin geworden. Als wäre eine Welt in ihr zusammengebrochen. Sie war zwar nett zu mir, arbeitete aber lieber, anstatt mit mir die letzten Tage noch in der Stadt zu verbringen. Ich wußte nicht, was ich machen sollte, also ließ ich sie alleine. Vielleicht war das das Beste.
Ich hatte vor ein Gefährt zu nehmen, und zum Computer der Emoni zu fliegen. Ich setzte nahe der Bibliothek auf, und fragte in der Empfangshalle einen Bibliothekar, wie ich zu diesem Hauptcomputer komme. Er sah mich erschrocken an, als hätte ich seinen Gott gelästert. Schnell tummelte er sich mit einigen zusammen, und sie flüsterten in ihrer fremden Sprache zueinander. Kurz darauf zog er einen Streifen mit seinem Finger auf seinem Pult. Dann warteten wir eine stille Weile. Plötzlich erschienen zwei gläserne Emonianer vor mir und stellten sich vor :
„Ich bin 8412.-Uni-Okos-ke, der Leiter dieses Bezirks, zuständig für Vultu-Lok-Anfragen.“, sagte er. Der Andere stellte sich nur mit : „Ich bin 7978.-Iku-Nok-ke“, vor.
„Wie konnten sie so schnell hier sein ?“, fragte ich über ihr geisterhaftes Erscheinen nach.
„Gedankenprojektion.“,antwortete der Leiter lächelnd. Vermutlich saß er in einem ganz anderem Gebäude. Woraus diese Projektion bestand wußte ich nicht. Und wie diese Technologie funktionierte konnte ich mir ebenfalls nicht vorstellen. Schließlich schienen die physikalischen Gesetze hier ident zu denen unseres Universums zu sein. Aber alles schien hier auf einem Material zu beruhen, welches wie Glas aussah.
Ich strengte mich nicht an, Antworten zu finden, sondern fragte nur noch: „Wer ist Vultu-Lok ?“
„Das ist der Computer welchen sie sprechen wollen. Er ist uns heilig – deshalb lassen wir nur wenige Wesen zu ihm. Aber wir haben beschlossen, daß sie ihn sprechen dürfen.“, sagte er, und geleitete mich zu den Wendeltreppen, die zu den unterirdischen Glasrohren führten. Kurz kam in mir die Frage hoch, ob ich wohl der einzige Forscher sei, der diesen Computer bisher sprechen wollte. Offenbar war es so – die Wesen schienen diesen Eindruck auf mich zu machen. Wieso sonst hätten sie es beraten müssen, ob ein Mensch zu ihrem Vultu-Lok darf ?
Als ich mit ihnen ins Gefährt stieg, staunte ich nochmal kurz über dieses unvorstellbare Werk von vernetzten Glasrohren. Kurz darauf flog der Zylinder, in dem wir saßen, los. Ich blickte zum Begleiter des Leiters, und schaute durch ihn hindurch. Ich wollte erkennen, wodurch er projiziert werden konnte, aber ich sah nichts. Ich berührte ihn vorsichtig, und er blickte zu mir.
„Ich bin weiblich !“, sagte sie. Woher wußte sie, daß ich gerade dachte, ob er männlich sei ?
„Woher wußten sie, was ich ....“, sagte ich, wagte aber nicht ganz zu Ende zu sprechen.
„Wisse, du berührst Gedanken und dadurch berühren Gedanken dich. Wie sollte ich nicht wissen, was du denkst ?“, sagte sie und formte ein Lächeln. Sofort zog ich meine Hand, die soeben noch ihre warm-weiche gläserne Haut berührte, weg. Ich schämte mich, aber ich wußte nicht ob es deswegen war, weil ich mich ihr auf eine Art genähert hatte, die sie mißverstehen hätte können, oder ob es deswegen war, weil sie durch meine Berührung in mein Innerstes sehen konnte.
„Du liebst sie.“, sagte dieses gläserne Wesen zu mir. Ich nickte verlegen. Kurz darauf aber dachte ich, daß es sie nichts angeht. Ich wollte es ihr schon sagen, aber dann vergegenwärtigte ich, daß diese Wesen keine Scham kannten. Wie sollte ich sie für das Verletzen von Etwas schimpfen, das sie gar nicht kannten? Ich schaute wieder raus aus dem Gefährt.
„Was ist das dort unten ?“, fragte ich, und zeigte auf metallische Gebilde die eine weitere Oberfläche formten. Erst jetzt merkte ich auch, daß wir in Richtung Planetenkern unterwegs waren.
„Das ist die Regenerator-Schicht.“ ,antwortete der Leiter.
„Was macht die ?“, fragte ich.
„Sie kümmert sich um die Energieversorgung und die Schäden an der Oberfläche.“, antwortete er wieder geheimnisvoll.
„Schäden ?“, gab ich grübelnd von mir.
„Ja, alles hat Zeit inne, und alles wird durch die Zeit verändert. Alles bekommt Alterserscheinungen – auch unsere Technologie. Die Regenerator-Ebene stellt das Gleichgewicht wieder her.“,antwortete er mit einem Anflug von Religiösität. Je tiefer wir kamen, desto ehrfürchtiger erschien er mir. Nun erschien mir der ganze Komplex , durch den wir reisten, wie eine Zelle auf makroskopischer Größe. Eine höchst perfekte Zelle.
Wir durchflogen die Regenerator-Ebene, und hier sah ich das erste Mal metallische Dinge. Ob es Roboter waren, weiß ich nicht. Unter dem Boden dieser Schicht, in die einige Glasrohre führten, jedoch viele andere Öffnungen hatte, sah ich metallene Folien, die in der Gegend mit beängstigender Geschwindigkeit rumflogen. Es waren Blätter die vielleicht 40 cm * 30 cm groß waren. Ihre quadratische Form konnte ich nur deswegen erkennen, weil eines von ihnen auf dem Glasrohr landete, durch das wir flogen und ich den Fahrer bat, stehenzubleiben. Die Folie legte sie dabei auf die Form des Glasrohres. Es funkelte kurz unter der Folie, und sie flog wieder weg. Ohne Zweifel mußten die Vultu eine überragende Zivilisation gewesen sein.
Wir flogen weiter, mit höherer Geschwindigkeit, und die Glasröhren, die ins Innere führten wurden immer weniger. Schlußends kamen wir zu einer verspiegelten Kugel, welche einige Kilometer Durchmesser besaß. An ihrer Oberfläche sah ich vielleicht ein Dutzend Glasröhren hineinführen. Und ich sah soetwas wie weiße Haare auf der Oberfläche, die abwärts von der Kugel standen. Ich hielt sie für eine Art sehr dünne Glasfaserkabel. Innerhalb der Kugel waren riesige Hallen, wo viele Zylinder-Gefährte rumstanden. Riesige Massen von Emonianern bewegten sich in diesen Hallen, aber es war ausserordentlich still hier. Es gab auch einige andere gläsernen Emonianer hier. Ich wollte meine Begleiter eine Frage stellen, wo nun der Computer sei, aber als ich sprach hörte ich keinen Ton aus meiner Kehle. Ich klatschte in die Hände, und hörte nichts. Es war, als ob ich taub geworden wäre. Meine Begleiter aber sahen meine Bemühungen und machten eine Geste, daß ich mir darüber keine Gedanken machen soll. Ich vertraute dieser Geste, und folgte ihnen.
Wir kamen nach einigen Kilometern Fußmarsch mit der Menge zu einer runden weißen Wand. Meine Begleiter winkten, ich solle alleine hineingehen.
Als ich eintrat erblickte ich einen Raum von etwa hundert Metern Durchmesser. Zu meiner Verwunderung war ich alleine, aber ich strengte mich nicht an, nachzudenken, wieso dies so war. In der Mitte des Raumes war eine riesige gläserne Kugel, von der oben und unten diese weißen Haare ausgingen. Die Kugel war etwa 4 Meter im Durchmesser, und hatte kleine metallische Stücke drin , die wie glitzernder Staub wirkten.
„Ich...“, sagte ich, und merkte, daß ich in diesem Raum sprechen konnte.
„Du bist wegen mir hier“, hallte es von den Wänden des Raumes.
„Ja.“,sagte ich.
„Weshalb ?“,fragte er und ich begann selbst über diese Frage ernster nachzudenken.
„Ich bin ein Forscher der Menschen. Ich wollte wissen ob du ein Wesen bist oder eine Maschine.“, antwortete ich wie ein Diplomat.
„Ich bin Vultu-Lok. Sag bist du ein Wesen oder eine Maschine ?“,fragte er und ich konnte keine Antwort geben, von der ich ihn überzeugen hätte können. Nach kurzem Überlegen antwortete ich aber : „Ich wurde von niemanden geschaffen. Ich bin ein Wesen.“.
„So hast du keine Eltern, wie Emonianer sie haben ?“, fragte er mich wieder, und verwirrte mich. Ich versuchte mich zu konzentrieren, zu einem anderen Thema zu lenken. Vultu-Lok stellte zu beunruhigende Fragen, je länger ich über sie nachdachte.
„Bist du die Religion der Emoni ?“, fragte ich mit einer gespielten Größe, die er hoffentlich nicht hinterblickte.
„Ich bin die Ethik, die Moral und der gewollte Verstand der Emoni.“, sagte er.
„Aber du bist auch ihr Wärter und ihr Gefängnis.“, hakte ich nach.
„So könnte man eure Eltern und euren Staat auch bezeichnen. Definitionen beschreiben. Aber sie erklären weder mich, noch euch.“, sagte er wieder.
„Können die Emoni weg aus dieser Welt ?“,fragte ich.
„Ja. Jeder ist in der Welt, wie sie für ihn wirkt. Und so ist jeder in einer anderen Welt. Denkst du, diese Welt wirkt auf sie genauso, wie auf dich ?“, antwortete er und ich konnte wieder nichts entgegnen. Jede Frage beantwortete er für mich so, daß ich nichts dranhängen konnte.
„Und wer seid ihr Menschen ?“, fragte er mich.
„Wir sind aus dem Universum der Vultu, denke ich, und haben ein blaues Flackern erforscht. Und sind durch dieses Phänomen durchgeflogen, zu dieser Welt.“, antwortete ich.
„So also habt ihr den Schlüssel der Vultu gefunden.“, sagte er. Ich nickte zufrieden. Einen Stolz konnte ich nicht verbergen, obwohl Vultu-Lok wahrscheinlich nicht wußte, was Stolz ist.
„Möge es euch nicht so ergehen wie ihnen.“, fügte er hinzu. Es klang wie ein Abschied, und es klang, als ob er nicht mehr Fragen von mir hören wollte. Er wußte also, was mit den Vultu geschehen war. Vermutlich hatte er Sinne in unsere Welt. Er beobachtete unsere Welt wohl, wie wir das blaue Flackern beobachteten. Ich war mir nun sicher. Das blaue Flackern waren seine Sinne zu unserer Welt. Damit nahm er sie wahr. Er wußte von allem wohl. Von den Antaranern; von den Orionern; von unserer Galaxie. Ja er wußte auch über uns, und seine Frage, wer wir seien war sicher keine Frage an die Eigenschaften unserer Rasse sondern wohl eine Frage an einen menschlichen Geist. Ja, er wollte wohl wissen, wie weit das Bewußtsein von uns war, wohl weil er selbst das Bewußtsein als das größte Wunder ansah - und ich antwortete ihm mit einem Standardspruch. Ich bereute nun, daß ich nicht länger über mein Gesagtes nachdachte. Ich hätte ihn wohl vieles fragen können. Er hätte wohl auf jede Frage die ich mir vorstellen konnte, antworten können. Aber ich war es, der ihm nicht gewachsen war.
Ich blickte kurz noch zu ihm zurück bevor sich eine Tür an der Wand kennzeichnete.
„Ich danke für das Gespräch. Auf Wiedersehen.“, sagte ich dankbar aber enttäuscht. Er antwortete nicht, und ich dachte mir, daß ich das auch verdiente. Trotzdem fühlte ich mich geehrt gegenüber so einer Weisheit gestanden zu haben.
Auf dem Rückweg blieb ich still, und meine gläsernen Freunde ebenso. Lange noch hallten Vultu-Lok’s wenigen Worte in meiner Erinnerung. Und je länger ich über dieses Erlebnis nachdachte, desto mehr dankte und freute ich mich, es erlebt zu haben.
Als wir wieder an der Oberfläche angelangt waren, bewegte sich das Gefährt zu einem runden niedrigem Gebäude. Wir hielten davor, und zwei Emonianer kamen gerade aus dem Gebäude. Sie winkten mir zu, und ich ging mit meinen Gefährten hin zu ihnen. Je näher ich ihnen kam, desto mehr lösten sich jedoch meine Gefährten auf, und schlußends verschwanden sie in den zwei Emonianern, die vor mir standen.
„Ich hoffe, es hat dir gefallen und genutzt.“, sagte der eine, und ich erkannte an seiner Stimme, daß er der Leiter des Bezirks war. Ich nickte still, denn das soeben passierte ließ mir diese Welt unheimlich erscheinen, und an ihrem warmen Lächeln sah ich, daß sie wußten, daß ich dieses Erlebnis erst verdauen mußte. Mir schwirrten zuviele Gedanken um diese Welt der Emonianer im Kopf herum.

Ich flog wieder zurück zum Schiff. Eigentlich hatte ich vor zu schlafen, doch ich konnte nicht, und so schaute ich die halbe Nacht aus dem Fenster meines Quartiers zum Nachthimmel, welchen ein Mond zierte, und zur Glasstadt. Am nächsten Tag würde ich wohl diese so befremdliche andere Welt schon verlassen haben. Diese Welt, die nun auch in meinem Kopf herumspukte. Alles an ihr war perfekt, ich sah keinen Makel. Wieso sollte man so eine Welt verlassen wollen, fragte ich mich. Auch diese Frage, die ich ja an Vultu-Lok stellte, erschien mir nun kindisch und übereilt. Ja, Jane hatte vielleicht recht. Ich mußte zu Jane...
Ich suchte in den Gängen nach ihrem Quartier. Willow...Willow mit dem Namen klapperte ich jede Tür auf dem B-Stockwerk ab. Willow - Jansen, da war es. Sicher schlief sie schon, aber ich mußte sie unbedingt sprechen. Die Tür war zugesperrt, verriet mir ein rotes Lämpchen, also klopfte ich, und rief nach ihr. Sie machte müde in einem dünnen Pyjama die Tür auf. Sie nahm mir das Wecken überraschenderweise nicht so übel, wie ich befürchtete.
„Was ist, Houston ?“, scherzte sie.
„Jane, ich muß dich sprechen“, sagte ich unüberlegt.
„Ja, das sah für mich auch so aus.“, sagte sie, während sie gähnte.
Sie zog sich kurz Zivilsachen an, und wir gingen zu einem Sitzplatz am Gang, wo durch ein kleines Fenster der Nachthimmel bläulich hineinschimmerte.
„Du hast recht...“, sagte ich, und setzte fort : „es gibt mehr als die Vergangenheit. Du bist mehr, ja selbst diese Welt, dieser Augenblick ist mehr. Ich will mit dir hier bleiben.“
„Nein, du hattest schon recht. Wir sind Menschen. Um den Augenblick geht es nicht. Es geht um das was wir sind, und um das was wir aus dem, was wir uns gemacht haben, machen.“, sagte sie, und nun war ich enttäuscht. So enttäuscht, das ich es nun fühlte. Da es nämlich gegen ein Gefühl stieß: Liebe.
„Ich liebe dich.“, sagte ich und sie blickte zu mir mit großen Augen. Fast als ob es sie mehr gewundert hätte dies zu hören, als die Welt der Emonianer.
„Ich liebe dich auch.“, sagte sie mit leiser Stimme.
„Aber ich will bei uns, mit dir glücklich werden.“, fügte sie hinzu. Ich wollte diesem nichts entgegenstellen. Sie schien wieder einen Entschluß gefasst zu haben. Ich wollte ihr nicht wieder die Enttäuschung antun, die ich ihr auf der Plattform antat. Ihr Glück – was sie darunter verstand, war mir nur mehr wichtig. Gedanken sagten mir, sie hätte nun ihren Weg gefunden – den Weg, den sie mit mir gehen wollte. Wie er aussehen würde, wußten wir beide wohl nicht. Mit einem Lächeln senkte sie sich in meine Arme, und wir schliefen ungeahnt ein, und träumten das Vergessen und den neuen Weg...

Ich verabschiedete mich an diesem letzten Tag von den Emonianern, die ich zuwenig kennengelernt hatte. All die anderen taten das auch. Wir bekamen auch Abschiedsgeschenke von ihnen. Ich bekam erfreulicherweise eine dieser Glaskugeln, mit denen man sprechen konnte. Ein anderer bekam einen dieser gläsernen Fächer. Der Captain bekam so ein gläsernes Gefährt. Die Sachen der anderen kannte ich nicht, aber die Emonianer erklärten sie ihnen. Der Captain lud auch viele Emonianer zu einem Festessen in unserem Speisesaal ein. Dabei verhielten sich die Wesen, wie Roboter, und aßen sehr vornehm. Das meiste schmeckte ihnen, auch wenn sie Mühe hatten mit unseren Bestecken zu essen. Aber sie amüsierte unsere Art des Lebens, und das war schön zu sehen.

Nach diesem Abschiedsfest startete unser Schiff. Es war eine sternenklare Nacht, und die Emonianer schauten uns zu. Jane schien bessere Laune zu haben heute. Vielleicht hatte sie sich damit abgefunden jetzt. Ich schaute aus dem Fenster zum Himmel. Zwei Monde waren am Himmel. Bisher hatte ich immer nur einen gesehen. Aber wahrscheinlich waren beide nur Illusionen, sowie die Sterne. Sah der Himmel des Vultu-Heimatplaneten so aus ? Zuwenig haben wir erfahren von dieser Welt, obwohl diese zweifelsohne die Fremdartigste war, die den Menschen bisher wohl untergekommen ist.
Es dauerte alles nicht lange. Freeman schaltete den Zeitanomalie-Sensor nach Cer’s Kalibrierungen ein. Ich blickte zu Freeman, während ich Jane’s Hand hielt. Ich blickte zu ihm, wie zu der Ungewißheit, die mich in unserem Universum wieder umfangen würde, und ich wurde unsicher. Ich schaute zu Jane – blickte zu ihr, und stellte ihren Entschluß in Frage. Sie jedoch schmiegte sich an mich, und gab mir wieder das Gefühl von Sicherheit.
Dasselbe blaue Phänomen wie beim Eintritt, begann unser Schiff zu umgeben, und die Welt der Emoni löste sich vor uns auf. Schwärze trat an ihre Stelle. Die Schwärze des Alls. Cer war ein Genie. Verdammt, er war ein Genie. Ich klopfte ihm anerkennend an die Schulter, und er gab ein zufriedenes Gurren von sich.
„Verdammt !“, schrie Freeman plötzlich, den wir über einen Schirm sahen. Qualm und Rauch war zu sehen in seinem Raum. Der Sensor zerfiel in abertausend glühende Stücke.
„Hey, seht euch das an !“, sagte Steve plötzlich panisch, während er gerade nach links aus dem Fenster blickte. Ich folgte seinem Ruf und sah es nun auch : zwei Galaxien waren am Vereinen.
„Andromeda und die Milchstraße !“, sagte Karl und schrie weiter entsetzt: „...aber die sollten erst in ein paar hundert Millionen Jahren kollidieren !!“.
Mich ergriff auch Panik, doch Jane faßte mich an der Hand und flüsterte mir sanft ins Ohr : „Unser neues Leben.“.
Und ich verstand was sie getan hatte.


Ende

  
Der kleine Klo-König
Siehe auch:
Moritz Moppelpo braucht keine Windel mehr
Welcher Po passt auf dieses Klo?
Der kleine Anzieh-Tiger
Der kleine Klecker-Pirat
Ich brauche keine Windel mehr
Das große Wimmelbuch
 
   
 
     

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