Title:

Das blaue Flackern

Description:  ``Ich liebe dich``, sagte ich und sie blickte zu mir mit großen Augen. Fast als ob es sie mehr gewundert hätte dies zu hören, als die Welt der Emonianer.
Author:Edmond Pollak
deutsch
  
ISBN: B000ASISII   ISBN: B000ASISII   ISBN: B000ASISII   ISBN: B000ASISII 
 
  Wir empfehlen:       
 

Das blaue Flackern

Wieder ein blaues Flackern , in der Ferne. Doch wenn ich recht nachdenke : welche Ferne ? Es war schwarz – einfach schwarz in dieser Richtung des Alls. Und deswegen sah man nicht, wie weit dieses blaue Flackern weg war. Es könnten einige hunderttausend Kilometer sein, aber es könnten auch viele Lichtjahre sein. Die Galaxie lag hinter uns. Nicht weit, aber doch einige Wochen für unser Schiff. Es war kein schnelles Schiff. Dafür sparte die Regierung zu sehr. Die Forschung war dem Menschen wohl schon immer zweitrangig.
„Und gibt’s was neues?“,fragte Cer. Eigentlich eine ungewöhnliche Sache für einen Klackon : zu fragen. Er hieß auch nicht Cer, aber niemand auf unserem Forschungsschiff Eurynome-9 konnte seinen Namen aussprechen. Deswegen nannten wir ihn alle Cer.
„Ach, nein...“, antwortete ich seufzend. Cer sah mich dabei wieder mal mit seiner fragenden Körperstellung an. Als wunderte er sich über meine Antwort. Vielleicht hätte er mehr Forschungsgeist erwartet. Aber jeder auf der Eurynome-9 hatte schon die Nase voll von diesem blauen Flackern, welchem wir schon seit 20 Monaten zuschauten. Nur Cer hatte noch immer Interesse daran. Er war wohl auch der, der alle noch am Arbeiten hielt. Jeder bewunderte ihn nämlich : sein stundenlanges Auswerten von Daten, sein tagelanges Berechnen von neuen Simulationen, die sowieso nie was brachten. Eine seiner Simulationen, die wir in den Computer speisten, hatte auf die Monitore schon ähnliche Effekte gezeigt, wie wir sie vor uns sahen, wenn wir aus den Fenstern schauten. Aber dann versagte die Vorraussage abermals. Eine Sonde kehrte auch nicht zurück. Jack, der Captain, wollte ja schon immer näher ranfliegen , aber wir hatten keine Erlaubnis dazu. Wo wir jetzt waren, war es sicher. Dummes Forschungskomitee! Die fürchteten um diese alte Rostlaube, in der wir saßen. Egal. Ich ignorierte Cer’s ach so süße Körperstellung, und ging aus dem Raum. Cer nervte mich mit sowas. Ich weiß nicht, ob er das wußte, aber mir kams immer so vor, als wolle er stets beweisen, er sei was besseres als die Menschen. Ok, er war ein aussergewöhnlicher Klackon. Welcher Klackon arbeitet schließlich schon auf einem Forschungsschiff der Menschen ? Ohne Zweifel: er war ein Genie, aber er war ein verdammter Klackon. Egal, ich kümmerte mich nicht um ihn. Ich ging zielstrebig zu meinem Quartier...
„Dan, sie haben noch nicht Dienstschluß oder ?“, fragte Freeman.
„Nein Sir, ich wollte mir nur einen Drink genehmigen... an der Bar.“, antwortete ich, dem verfilzten Leiter unserer Abteilung.
„Achso, sie gingen nämlich in die andere Richtung...Lassen sie sich begleiten von mir, ich wollt ganz zufällig auch zur Bar.“, sagte er mit einem unechtem Lächeln.
Heut’ war wieder mal mein Tag. Ich ging mit ihm also in die Bar, falls man diesen Raum so nennen konnte. Der Wirt, irgend so ein Sauropid, hatte sich schon seit einigen Monaten nicht mehr um sein Lokal gekümmert. Dementsprechend roch es nach Kotze, Schnaps, und verdorbenen Milchshakes, die am Boden ausgeschüttet waren. Niemand mochte die Bar, seit sie so aussah. Deswegen begleitete mich dahin die Filzlaus von einem Leiter. Er ekelte sich auch, aber er wollte mich leiden sehen. Ich nahm mir ein Wasser. Alkohol durft ja während der Dienstzeit nicht sein. Das Gespräch war langweilig. Ebenso, wie der übrige Tag noch.

„Dan, aufwachen ! Das Güterschiff ist da !“, kams von meinem Zimmergenossen Hub. Er war ein Eoladi, aber nicht so ekelhaft, wie er aussah. Er machte viel wett, durch seinen guten Charakter.
„Laß mich, ich will noch schlafen.“, sagte ich ihm. Er drängte noch ein wenig, mit „Die geilen Weiber darfst dir nicht entgehen lassen...“ und „Komm, es gibt auch neuen Stoff zum Hirnwegpusten.“, aber dann ging er und haute die Schiebetür zu. Sagte ich gerade, er hätte einen super Charakter ?
Ich wachte rechtzeitig zum Dienstbeginn auf. Das heißt 5 Minuten vor Dienstbeginn. Von dem einen Fenster im Raum sah ich auf das Güterschiff. Alle machten die große Furore draus. Ja, das neue Instrument war angekommen. Da waren alle gleich aus dem Häuschen : von wegen "teuerster Sensor im ganzen Quadranten". War irgend so ein Zeitanomalie-Sensor. Grad vor ein paar Jahren entdeckt, hatte man heute so ein Ding auch auf transportable Größe gebracht. Der Transfer dieses einen schäbigen Sensors soll angeblich 2 Tage dauern, weil die Apparatur so empfindlich sei. Mir solls egal sein, ich werde daran nicht beteiligt sein – auch nicht als Gaffer. Am Gang traf ich wieder Cer an. Nein, er kam nicht zu spät. Er hatte seine Hände voll Unterlagen und Auswertungen. Er begrüßte mich mit einem Knistern - wie immer. Ansonsten sprach er aber auf unserer Sprache. Ich beachtete ihn nicht. Ich ging in den Forschungsraum A5 für Astrophysik, setzte mich in meinen Stuhl, und haute die Füße auf die Armaturen.
„Und was gibt’s neues?“, fragte ich Jane, mit einer klackonischen Kopfstellung. Sie kicherte kurz, aber geantwortet hat mein anderer Nachbar Steve : „Wir haben die neue Sonde programmiert, während du dich ausgeschlafen hast.“. „Hey, das ist aber böse – so früh , und schon so gemein – der sunshiny-day hat ja erst angefangen.“, sagt ich ihm ironisch. Irgendwie hatt’ ich heute gute Laune. Denn normalerweise reagierte ich auf Steve noch weniger, als auf Cer. Ein Zischen, und der Leiter kam rein. Schnell die Füße runter, und den Computer einschalten. Er sah es mir an, daß ich zu spät war, aber tat es mit einem Pusten und genervten Blick ab.
„Die Sonde ist schon programmiert ?“, fragte Freeman.
„Ja , Sir“, antwortete Jane kurz und keck.
„Cold , wie stehts mit den Ortungssystemen und der Liste ?“, fragte Freeman Steve.
„Ist gebombt – alles gecheckt und gemacht!“, kam es von ihm.
„Auf den Herrn Houston, müssen wir wohl noch warten.“, sagte Freeman anätzend.
Von Steve kam nur ein kurzer amüsierter Blick zu mir. Schnell tippte ich noch das Nötige in den Computer, und gab auch mein „Ok, Sender, Empfänger kalibriert !“.
Freeman kam näher zu mir beugte sich vor und sagte : „Mister Houston, ich möchte nicht auch diese Sonde ihretwegen verlieren ! Ist das klar ?“.
„Ist klar.“, antwortete ich, wie sichs gehört. Ich weiß gar nicht, was er sich für Sorgen machte, um seine mickrige Sonde. War eh nicht sein Geld. Und bisher wars nur eine Sonde, die verloren ging. Ok, es war die erste Sonde, die wir zum Flackern schickten. Und nach 6 Monaten Vorbereitungszeit an einer Sonde waren alle enttäuscht, als die Sonde den Kontakt abbrach, und wenig später zerbrach, bevor sie ihr Ziel erreichte. Und ich als Verantwortlicher für den Kontakt, war natürlich der Angefressene. Sie meinten, es war meine Schlampigkeit, weswegen der Kontakt abbrach. Cer hatte den ganzen Flug und seine Daten zwar überprüft, und bewiesen, daß es nicht meine Schuld gewesen sei, aber nach 2 Monaten interessierte das niemanden mehr.
„Gut, die Sonde wird morgen Abend starten. Checkt derweil nochmal eure Arbeiten.“, sagte Freeman. Das war typisch für ihn. Wenn er nicht wußte, was wir machen sollten, dann gab er uns eine Checkarbeit. 2-mal-checken, 3-mal-checken – Hauptsache er sah, daß wir zu tun hatten. Der Einzige der ihn halbwegs mochte, war Steve. Weiß auch nicht wieso. Die beiden hatten wohl sowas wie ein intimes Geheimnis. Die gute Laune war auch weg.
Nach Dienstschluß schlenderte ich noch in den Gängen umher und beobachtete das Treiben. Jeder wollte das neue Instrument sehen. Mich ekelte sowas an : in die Lagerhallen zu gehen, und mit der Masse das neue Instrument aus dem Güterschiff herausfahren zu sehen. Millimeter für Millimeter. Würde eh erst morgen bei uns sein. Egal. Ich suchte mir einen leeren Gang. Der beim Maschinenraum war immer gut. Er war laut, und schmutzig. Passte vielleicht zu mir. Bei einem Fenster blieb ich stehen. Es wies gerade zum Flackern. Ich blickte zu der Stelle und wartete aufs Flackern. Wohlige Schwärze, durchtränkt von Maschinengeräuschen und dem Gestank von verbranntem Plastik. Das war meine Romantik. Es ließ mich all den Müll des Alltags vergessen. Kein „Houston, das muß noch gemacht werden !“ ; kein „Houston, ist das noch immer nicht fertig ?“ . Einfach nur die Geräusche des Vergessens. Die Farbe des Vergessens. Ich weiß nun nicht so recht, ob ich gerne Astrophysiker des Elektromagnetismus war. Eigentlich sollt ich ganz woanders sein. Wieso mußt ich auch das Moros-Teleskop aus Versehen in die Luft sprengen? Da muß sicher etwas mit den Magneteindämmern gewesen sein, damit das Plasma zu den Heliumkühltanks gelangen konnte. Von wegen ich hätte das Teleskop unsachgemäß heruntergefahren. Sicher, ich hätt an dem Abend keine 2 Promille im Blut haben dürfen. Aber...ach gegessen und vergessen.
„Was machst du denn da ?“, kam’s von einer femininen Stimme. Ich schreckte kurz aus meinem Tagtraum. Es war Jane.
„Ach, ich weiß nicht.“, antwortete ich, und blickte wieder in die Leere.
„Wieso bist du nicht im Lagerraum ?“ fragte ich, uninteressiert.
„Denkst du, das neue Instrument wird uns die Lösung bringen ?“, antwortete sie.
„Nein, sicher nicht. Ist nur ein weiteres Spielzeug damit wir uns nicht langweilen.“, sagte ich.
„Eben, das denke ich auch.“, sagte sie, mit einem leichten Lächeln. Sie stützte sich am Geländer, und blickte mit mir in diese schwarze Leere.
„Es ist beängstigend, ins Nichts zu blicken.“ , sagte sie.
„Meinst du ? Manchen hilfts zu vergessen.“, antwortete ich verträumter, als ich beabsichtigte.

„Wieso bist du auf diesem Schiff stationiert ?“, fragte sie mich.
„Weil ich Freeman-Fan bin.“, antwortete ich ihr. Der Witz war unangebracht. Ich sah es ihr an, daß sie mich ernst nehmen wollte, und nun enttäuscht war.
„Ich habe viel Mist in meinem Leben gebaut. Instrumente ruiniert, Freundin verloren, Drogen-Exzesse, Anzeigen wegen Diebstahl und Sachbeschädigung, sowas halt...“, sagt ich ihr, fast zu leise.
„...und schlechten Atem“, fügte sie hinzu, und kicherte. Ich hätte das wohl auch anders auffassen können, aber vermutlich wollte sie mich nur trösten.
„Deswegen bin ich ja im Maschinenraum und nicht in der Lagerhalle“, sagte ich ihr lächelnd.
Sie war ein smarter Typ. Sie nahm meine schlechten Witze nie krumm. Ein anderer wäre wohl schon gegangen. Sie aber blieb in diesem lauten stinkendem Maschinenraum mit mir, und wir redeten über unsere Vergangenheit, die wir in diese Schwärze vor dem Fenster, werfen wollten. Der Abend verging schnell. Zu schnell. Dabei hatten wir gar nichts miteinander gemacht.

„Houston, ich verlasse mich auf sie !“, kams von Freeman wieder. Lustig, denn ich mußte heute nur „Enter“ drücken. Die Sonde würde wieder mal 3 Tage brauchen, bis sie an ihrem Ziel ist: einer zwei Millionen Kilometer großen Umlaufbahn. Doppelt so groß wie bei der ersten Sonde geplant war. Schließlich verloren wir sie schon bei anderthalb Millionen Kilometern. Freeman hätte wohl gerne das neue Instrument zugleich mit der Sonde aktiviert. Aber die Hochfahrzeit für das Gerät betrug eine Woche. Und es war ja erst seit 3 Tagen an Board. Cer klebte mal wieder an seinem Bildschirm. Er hatte sich die Geschwindigkeit, mit der die Daten darauf liefen, auf das Zehnfache gestellt. So schnell konnte er lesen. Und währenddessen markierte er Zahlen die er für interessant hielt, notierte einige Symbole in seiner Sprache auf seinen Notizblock und machte Skizzen. Auf seiner Station kannte sich niemand aus, weil sie voll mit Zetteln, Taschenrechnern, und anderen Hilfsmitteln war. Es hatte den Anschein, als ob er gar kein Privatleben hatte, sondern nur die Arbeit. Ich beobachtete ihn, auch wenn es schon ein gewohnter Anblick war. Freeman hatte mal einen ruhigeren Tag, so daß ich nicht dauernd so tun mußte, als würde ich arbeiten. Der restliche Arbeitstag war auch ok. Endlich war auch der große Trubel um das neue Instrument abgeklungen, und es war nicht mehr das Hauptthema eines Jeden. Sogar der notgeile Hub sprach ja schon davon, und das will was heißen.
An der Essensausgabe traf ich Jack an. Eigentlich hieß er Tail, aber wir kannten uns noch aus der Schule, und ich war der Einzige, der ihn mit seinem Vornamen ansprechen durfte. Freunde waren wir aber deswegen nicht. Aber ich hielt mich gerne bei ihm auf, weil er mit den Offizieren herumtratschte, und ich daher manchmal erfahren konnte, was so die nächsten Aufgaben von uns waren. Oft wußt ichs sogar vor Freeman. Vielleicht trug das zu meinem schlechten Ruf bei ihm bei. Jack hatte es eilig heute. Trotzdem ging ich ihm nach. Er aß ausnahmsweise nicht im Speisesaal in der Offiziersecke. In der Ecke war auch nur ein Offizier, der gelangweilt seine Kunstnahrung kaute. Etwas Echtes hatten selbst die Offiziere lange nicht mehr gegessen. Und diese Kunstnahrung mit ihrem Nebengeschmack nach Benzin, taugte wohl den Offizieren am wenigsten. Jack, kam zum Vorraum der Brücke, wo auch ein paar Tische und Stühle standen. Als er mich sah, schaute er mich an, als ob ich störende Gesellschaft wäre. Ich setzte mich trotzdem dazu. Drei andere Offiziere waren auch da und Jack sprach mit vollem Mund : „Die Erlaubnis wurde erteilt - ich war vor kurzem in der Nachrichtenzentrale.“.
Die Offiziere waren sichtlich getrübter Laune.
„Und wenns ein Tor der Antaraner ist ? Wollen sie das Risiko auf sich nehmen ?“, sagte ein Colonel.
„Das haben wir schon besprochen. Die Antaraner sind kein Thema. Fakt ist, wir müssen den Zeitanomalie-Sensor nutzen, und je näher er ist, desto genauere Daten. Und es sind nur 10 Millionen Kilometer.“, erwiderte Jack.
„Ich finde ja auch, daß wir näher ran sollten, aber es muß doch nicht gleich 10 Millionen Kilometer näher sein. 5 Millionen würdens auch tun – der Unterschied von 5 und 10 Millionen ist von der Sensorik her nicht so prägnant. Aber für unsere Gesundheit könnte es das sein.“, sagte der Major.
Jack rang mit dem Essen, und seine Ungeduld konnte man ihm ansehen.
„Was sagt denn der erste Offizier dazu ?“, fragte er, und blickte suchend zu ihn. Dieser aber nahm sich für seine Antwort Zeit. Er hatte auch schon seine Ration gegessen. Er war wohl der Erste am Tisch, und saß zurückgelehnt da.
„Ich finde, wir sollten es zu einem Schluß bringen.“, sagte er gelangweilt.
„Eben, näher ran !“, sagte Jack, und die anderen Offiziere schauten den 1. Offizier schon miese an.
„Nein, das meint’ ich nicht. Machen wir uns nichts vor – niemand will mit diesem Flackern was zu tun haben. Jede Gesteinsprobe aus einem öden Asteroidenfeld ist interessanter. Wir sollten einen Abschlußbericht schreiben, und dem Komitee mitteilen, daß wir zu wenig Möglichkeiten haben, es zu erforschen. Ich finde nicht, daß es uns was bringt, wenn wir näher rangehen. Kein Sensor hat uns wirklich was gebracht. Die erste Sonde hatte, solang sie funktionierte, auch keine Erkenntnisse gebracht, obwohl sie auf anderthalb Millionen Kilometer ranging. Und wenn wir 10 Millionen Kilometer rangingen - mehr darfs ja nicht sein - würden wir noch immer 10 mal weiter weg sein als die erste Sonde.“, sagte der Offizier, und die übrigen waren nun wieder erleichtert.
„Also ist es ihnen egal !“, entgegnete Jack, etwas wütend.
„Nein, verdammt nochmal. Ich will weg von hier! Es ist mir also nicht egal! Wenn wir näher rangehen, müssen wir weiter hier herumforschen. Wenn wir hier bleiben, müssen wir auch weiter herumforschen. Also schreiben wir einen Abschlußbericht und fertig.“, antwortete der Offizier nun aufgebrachter.
„Sie wissen, daß es zum Ende des Jahres noch 5 Monate sind. Bis dahin haben wir gar keine andere Wahl.“, sagte Jack.
„Ok, machen sie was sie wollen, mir egal.“, sagte der erste Offizier.
„Gut, das mache ich – ich nehme sie als Für-Stimme. 2 : 2 also.“, sagte Jack ermutigt.
„Genau, und das heißt, wir sind wieder am Anfang.“, sagte der Major.
Jack hatte seine Kunstnahrung aufgegessen. Er blickte nun nachdenklich zum Gang , in dem die Leute herumgingen.
„Scheiße, machen wir eine Demokratie !“, sagte Jack.
„Sie wissen aber, wo wir sind ? Wir sind hier nicht in der Politik.“, sagte der Colonel.
„Wollen sie etwa die Münze werfen ? Halten sie das für klüger ? Unsere Lage geht uns alle an. Ich finde, wir sollten mindestens alle Abteilungsleiter in unsere Abstimmung einbeziehen.“, sagte Jack fordernd.
An diesem Punkt verließ ich wortlos die Diskussion. Ich war offenbar überflüssig. Hub traf ich kurz am Gang an. Der versuchte mal wieder ein paar Menschenfrauen anzubaggern. Im Grunde war der Umstand schon lustig, daß er es nach so vielen Jahren bei den Menschen noch immer nicht geschnallt hatte, daß die Frauen nicht geil auf so schleimige Dinger sind, wie ihn. Aber er versuchte es immer mit Sprüchen wie „Hast du’s schon mal mit einer Qualle probiert ?“, oder „Du wirst überrascht sein, was für ein Gefühl das mit mir ist !“. Das Lustige war ja: er bekam auch immer die gleichen Körbe.
„Hub, was macht das Kraftwerk ?“, unterbrach ich ihn bei einem seiner Aufreiß-Versuche.
„Es werkelt.“, sagte er abwehrend. Ich beschäftigte mich nicht weiter mit ihm. Heute schien ich wohl alle zu stören. Na gut, Cer sicher nicht. Der brannte immer darauf, zu reden, sich mitzuteilen; zu sagen, was er heute für interessante Zahlen gefunden, und welche Simulationen sich daraus entwickeln ließen. Wer wollte schon mit so einem reden ? Ausser die frischgebackenen Uni-Absolventen, oder ein paar möchtegern-intellektuelle Proleten. So verging auch dieser Tag mit blöden herumschlendern in den Gängen und plakativen Arbeiten in A5. Freeman war auch nicht da. Das war noch das Positive an dem Tag...

„Sonde auf 4 Millionen.“, sagte Steve. Endlich mal was aufregenderes. Am Vortag hatte ich im Grunde auch schon viel zu tun. Denn die Sonde kam ins Trudeln, und zwar rotierte sie, sodaß sie schon auseinanderbrechen wollte, aber zum Glück konnte ich noch rechtzeitig die korrigierenden Daten senden. Aber jetzt; heute, war der große Augenblick gekommen. Die Sonde verhielt sich stabil. Stabiler als die Erste.
„Houston, überwachen sie die Sende-Peripherie, ich will mich einmal auf sie verlassen.“, sagte Freeman. Was gab es da großartig zu überwachen ? Vor allem, wo er beschlossen hatte, Steve denselben Bildschirm zu übermitteln, wie mir. Jane rekalibrierte ständig den Empfang, und Cer durchforstete die Daten, die die Sonde dauernd sendete, und Freeman ekelte mit Fragen an : „Gibt’s schon was ?“ , „Ist die Sonde auf exakten Kurs ?“, usw..
Steve fing nach einigen Stunden des gebannten Schweigens als Erster an, zu antworten : „Die Sonde kommt ins Trudeln !“.
„Kompensieren !“, sagte Freeman schnell. Cer aber schoß aus sich heraus : „Nicht kompensieren ! Die Gegenkräfte werden sie zerreißen !“.
Steve schaute kurz zu Freeman, und der nickte. Damit wurde Cer’s Warnung ignoriert, und Steve schaltete die Steuerdüsen und Trägheitsdämpfer ein und versuchte die Sonde wieder zu stabilisieren. Es brachte nichts. Die Sonde suchte sich immer neue Rotationsrichtungen aus. Freeman sah das, und befahl : „Automatische Stabilisation !“.
Nun schaltete sich Cer lauter ein : „Die Sonde wird das nicht überstehen !“
Freeman aber wurde wütend, und sagte : „Die Sonde wird viel früher zerrissen werden, wenn wir sie den Zentrifugalkräften der Rotation aussetzen !“
„Nein, nach den Daten wird sie als Gesamtes ebenfalls kreisen, um einen Mittelpunkt, der ausserhalb von ihr liegt. Durch die automatische Stabilisation wird sie zu große Belastungen erfahren, falls der Schub nicht mehr stark genug ist. Die Sonde wird so oder so zerissen werden, aber mit Stabilisation viel früher !“, sagte Cer in fast unverständlicher Geschwindigkeit. Immer wenn er sich vergaß, sprach er so schnell, wie Klackons es immer tun. Freeman verstand ihn aber noch, und sagte Steve : „Ok, lassen wir die Sonde trudeln. Zurückholen können wir sie offenbar nicht mehr. Und wir brauchen die Daten.“
Die Sonde kam auf 2 Millionen Kilometer Entfernung, und hielt sich erstaunlicherweise sogar noch eine Stunde in der Umlaufbahn, bevor sie zerbrach.
Als sie zerbrach blickte ich kurz zu Freeman , und er blickte zu mir, mit einem enttäuschten Blick - aber auch mit Verständnis. Er hatte nun vielleicht den Gedanken gehabt, daß ich womöglich doch nicht Schuld hatte am Zerbrechen der ersten Sonde.
Cer aber schien es nicht zu stören, daß die jetzige Sonde zerbrochen war. Er schaute noch immer interessiert zu seinem Bildschirm, und schrieb sich wieder einige Zahlen auf. Manche setzte er auch in Formeln auf seinem Notizblock. Jane aber war genauso demotiviert, wie Freeman. Sie drehte sich mit ihrem Sessel weg vom Pult, und blickte zu Freeman, der sich mittlerweile vor seiner großen Konsole nach stundenlangen Stehen hingesetzt hatte.
„Verdammt !“, schrie Freeman, und es folgte eine kurze Stille darauf.
„Vielleicht liegt es an der Verkleidung der Sonde ? Vielleicht brauchen wir ein stabileres Material !“, sagte Steve, aber das tröstete Freeman jetzt gar nicht.
„Nein, wir machen Feierabend – ich hab genug.“, sagte Freeman, schmieß seine Computertafel auf die Konsole und ging aus dem Raum.
„Cer verdammt nochmal, hör auf, es hat keinen Zweck !“, schrie Steve, aber Cer machte nur eine Körperstellung, als ob er das eben Gesagte, süß gefunden hätte, und machte weiter. Er sah das wohl als Kompliment, oder so an. Wir ließen ihn weitermachen, und gingen alle aus dem Raum. Steve ging in Richtung Bar, ich aber hatte absolut keine Lust dahinzugehen. Der Weg zu meinem Quartier, und Janes Weg, war derselbe. Ich wußte nicht wohin sie ging, aber sie begleitete mich.
„Was wirst du heute noch machen ?“, fragte sie mich.
Mit ungeschickter Charmantheit erwiderte ich : „Das sollte ich dich ja eigentlich fragen.“
Sie lächelte verlegen. Mir schien sogar, sie wurde etwas rot dabei. Und sie sagte : „Ich weiß nicht was ich mache, ist kein besonderer Tag. Deswegen geh ich dir nach, ich dachte du hast vielleicht eine Idee.“
„Nun, wir sind ja nicht gerade auf einem Urlaubs-Schiff.“, sagte ich.
„Gehen wir einfach in den Maschinenraum und plaudern ´ne Weile, wie vor ein paar Tagen ! “, sagte sie plötzlich.
„Ok.“, sagte ich, obwohl ich gar nicht dahingehen wollte. Aber ich war wohl so überrascht , daß ich nicht wußte, was ich anderes sagen sollte.
Als wir im Maschinenraum waren, schwiegen wir uns aber nur an. Über was schließlich sollten wir sprechen? Im Grunde wußten wir schon vieles über uns. Alles andere ginge über Berufliches hinaus. Wir starrten also aus dem Fenster, und beobachteten das blaue Flackern. Das erste Mal, seit ich hier auf der Eurynome-9 war, fühlte ich mich irgendwie wohl. Ich weiß nicht, wie weit es mit Jane kommen könnte, aber sie dachte wohl wie ich. Zumindest schien es mir so, als ob sie mich verstehen könnte, obwohl sie mich nicht kannte. Vielleicht war sie auch alleine auf diesem Schiff. Sie hatte vielleicht auch ihre eigene Welt, wie auch ich die meine hatte. Klar, auch Cer, Freeman, Steve, und die anderen hatten ihre Welt - aber sie fühlten sich nicht verlassen, nicht isoliert. Von Jane hätte ich das bis vor kurzem auch nicht gedacht, aber anscheinend war sie es. Sie blickte vor mir wie eine Alleingelassene aus dem Fenster. Vielleicht hatt’ sie auch erwartet, daß ich ihr näher komme. Vielleicht wollte sie aber auch nur, auf der Ebene wie es jetzt war, mit mir zusammen sein. Einfach nur denken wollen, daß sie jemanden hat, mit dem sie sprechen kann. Ich hätte ihr an dem Abend näher kommen können. Vielleicht sehnte sie danach. Ich weiß es nicht. Auf jeden Fall, hätte ich es mir erlauben können. Aber ich tat es nicht. Nein, so ein Platz; auf so einem Raumschiff; bei so einer Arbeit. Das war kein Platz für den Beginn einer Beziehung. Und Jane war kein Mädchen für ein Abenteuer. Sie erwartete mehr, aber sie dachte nicht darüber nach, welche Konsequenzen sowas hatte. Würden wir zurück fliegen zur Basis, würde ja doch jeder seinen Weg gehen. Sie würde neuen Projekten zugeteilt werden, und ich ebenso. Von Freeman konnt ich sicher keinen guten Bericht erwarten. Ich würd’ also sicher nicht für bessere Jobs aufgewertet werden. Ja, ich hätte diese Gedanken Jane sagen können. Aber nein – dafür schaute sie zu gebannt in die Leere. Schien den Augenblick zu sehr mit mir genießen zu wollen...

Am nächsten Tag klopfte Cer unentwegt an meiner Tür. Es war ein vibrierendes Klopfen, von daher wußt ich, daß er es war. Ich schaute auf die Uhr. Es war eine Stunde vor Dienstbeginn. Verdammter Klackon ! Und als ich öffnete, sagte er sogar er hätte extra später geklopft, damit er mich nicht aufweckt.
„Ok, was ist los, Klackon !“, sagte ich mürrisch.
„Gestern , die Sonde...“, sagte er.
„Ja, was ist damit !“, unterbrach ich ihn.
„Wir untersuchten immer Daten der Sonde, die sie noch senden konnte, bevor sie zerbrach...“, sagte er ihn hektischer Schnelligkeit, und setzte fort : „es war falsch das auszuwerten. Die Trümmerstücke selbst, geben Aufschluß über das Phänomen !“, sagte er.
„Verdammt ich versteh kein Wort. Hast du das Freeman schon erzählt ?“, fragte ich.
„Nein, ich dachte, so wütend er gestern war, würde ihn das vielleicht nicht so interessieren.“, erwiderte er mit herzlicher Klackon-Logik.
„Ok, also ich schlag’ vor, du trinkst ’mal einen Baldrian-Tee, und wartest, bis alle im A5 versammelt sind, klar ?“, sagte ich ihm, obwohl ich wußte, daß er darauf wieder seine verdammte fragende Kopfstellung machen würde. Aber zum Glück verschwand er wenigstens gleich darauf. Nun hatte ich dank ihn eine Stunde Zeit zum Frühstücken. Also ging ich in die Bar, welche zu dieser Zeit leer war.
„Einen Tee.“, sagte ich unüberlegt. Das war mir wohl von Cer eingefallen.
„Kommt sofort !“, erwiderte der Sauropid, der glaub ich, Gorm hieß.
Der Tee schmeckte ausserordentlich echt, und das Glas war sogar sauber. Eigentlich alles Anzeichen für einen guten Tag. Als ich ins A5 ging, um meine Arbeit anzufangen, hatte ich Cer schon ganz vergessen, der nun all seine Notizen zusammengesammelt hatte, und nur mehr auf Freeman wartete. Dieser durfte es sich schließlich immer erlauben, später zu kommen. Er kam aber früher als erwartet, und Cer rannte gleich zu ihm, und flüsterte ihm die Neuigkeiten.
„Ok, alle herkommen , es gibt doch noch was von der Sonde. Cer bitte :“, sprach Freeman, und übergab das Wort Cer. Dieser begann seine Rede, und ich hörte im Halbschlaf zu...
„...die Trümmer die wir nie beachteten folgten ihrerseits einer eigenen Rotationsdynamik. Sie folgen einem Muster. Es lassen sich Kräfteansätze in verschiedenen Gebieten also ausmachen, und somit eine Topographie der Kraftfelder erstellen. Verglichen mit den Werten der ersten Sonde, die auf einer anderen Bahn zum Phänomen flog, kann dies Ganze zu einem 3-dimensionalem Modell der Kräfte umgewandelt werden. Dies habe ich gestern ebenfalls gemacht. Dies ergibt ein Modell von ineinandergehenden Wirbeln – einem komplexen Kräftegebilde. Dieses Gebilde erschließt zumindest die Intervalle des Flackerns, wenn auch nicht den Grund des Flackerns.“, sagte Cer.
„Sehr gut , Cer – wenigstens hatten unsere Sonden einen Sinn, auch wenn für diese Erkenntnis auch Schrott genügt hätte“, sagte Freeman lobend zu Cer, der daraufhin eine dankbare Bückhaltung einnahm.
„Captain Tail hat ausserdem nach Mehrheitsbeschluß nun unternommen, uns 15 Millionen Kilometer nah ans Phänomen zu bringen. Dies wird er sehr langsam tun. Übermorgen wird der Zeitanomalie-Sensor in Betrieb genommen, obwohl ich nun finde, daß das wohl überflüssig sein wird, wo wir nun wissen, daß es sich um Kraftwirbel handelt.“, sagte Freeman.
„Das ist nicht ganz korrekt“, fügte Cer hinzu, und sprach weiter : „...wir können fast sicher davon ausgehen, daß es eine Raumverzerrung ist. Unterschiedliche Gebiete von Verzerrungen, rufen diese Krafterscheinung hervor. Durch diese Energieunterschiede entstehen die Kräfte. Newtonsche Kräfte sind Raumabhängig.“
„...und zeitabhängig“, sagte Steve, mit einer ziemlich ekelhaft unterwürfigen Geste zu Freeman.
„Ach, ihr Menschen wißt also noch nicht von zeitunbedingten Raumanomalien ?“, sagte Cer, mit einer spottenden Geste, obwohl wir mittlerweile wußten, daß diese Körperhaltung nicht spottend gemeint war. Cer sah sich in der Runde um, wo dies keinen guten Anklang gefunden hatte, und räumte ein : „...verzeiht, es kann natürlich auch sein, daß es raum- und zeitabhängig ist.“
„Das werden wir herausfinden, wenn der Zeitanomalie-Sensor eingeschaltet ist.“, sagte Freeman. Cer nickte daraufhin zustimmend.
Der Tag verging also ganz im Sinne von Cer. Er stellte seine Modellrechnungen vom vergangenen Tag vor, klärte über seinen Gedankengang auf, und erläuterte seine Ideen. Jeder im Raum war an sich interessiert, aber nicht so interessiert, wie Cer es erhoffte. Aber was erwartete er schließlich ? Zu oft, dachten wir schon : „Das ist es !“, und wurden dann doch eines Besseren belehrt. Und ich wollte es nicht sagen, aber die Raumzeit-Anomalie-These war ja eine der ersten Annahmen, die wir in den Papierkorb schmeißen mußten. Keine Hawking-Strahlung, keine Masse, keine Gravitation, keine Dopplereffekte. All dies hätte ich wieder sagen können, aber es war gut, daß wieder ein bißchen Stimmung bei uns war. Das alle sich der Illusion der Hoffnung wieder hingaben. Und Cer konnte seine Eingebildetheiten ausleben. Er genoß es geradezu, im Mittelpunkt zu stehen, und das Gefühl zu bekommen, etwas geleistet zu haben für ein großes Projekt. Typisch insektoides Denken halt.
Die gute Laune wollte ich aber nutzen. Ich bereute, daß ich Jane nicht näher gekommen war gestern. Ihr fehlte was, und sie ging am Ende nur wortlos weg. Als hätte ich ihr das nicht geben können, wonach sie hoffte. Vielleicht konnte ich das auch nicht, aber ich wollte ihr nun sagen, daß es nicht meine Absicht war. Vielleicht würde sie das ja verstehen. Kurz vor Dienstschluß blickte ich kurz lächelnd zu Jane rüber, in einer Art welche verraten sollte, daß ich mit ihr sprechen will. Die Bar war dafür aber zweifelsohne, nicht geeignet. Als wir beide den Raum verließen, sprach ich also : „Jane, hast du was dagegen, wenn ich dich in meinem Quartier einladen würde ? Wenn Hub dich stört, dann...“ – „Nein, das passt schon...“, unterbrach sie mich, und folgte mir. Das gab mir etwas Denkpause, bis zum Quartier. Ich versuchte mich also zu sammeln in der Zeit. Als wir bei meinem Quartier ankamen, war Hub nicht da. Das war die gute Nachricht. Die Schlechte war, daß ich noch immer nicht wußte, wie ich anfangen sollte. Ich blickte zu ihren goldbraunen, nach hinten gebundenen Haaren, die offen wohl schulterlang gewesen wären. Ein paar Strähnen zierten ihr Gesicht, welches im kaltweißen Licht etwas fahl wirkte. Ich schaute überall hin, nur nicht in ihre Augen. Verdammt, das war ein schlechtes Zeichen.
„Willst du ein Synth ?“ , fragte ich.
„Nein, ich mag kein Bier, schon lang nicht mehr – Wasser oder ‚ne Limo geht auch.“, sagte sie mit einer kindlichen Art. Dabei setzte sie sich auf mein Bett, und beugte sich vor, um sich an Hub’s Bett nicht anzustoßen. Sie wirkte anders hier. Vielleicht, weil es das erste Mal war, daß ich mich privat mit ihr traf, und Stille war. Absolute Stille. Ich hörte ihren kleinen Atem. Das rascheln ihrer Uniform, wenn sie sich bewegte. Ich gab ihr die Limo, in einem beschämend schmutzigen Glas, was sie aber nicht störte. Wohl weil sie schon an Gorms Bar gewohnt war. Ich setzte mich zu ihr, blickte in ihre wunderschönen erwartungsvollen Augen, und blieb länger stumm, als ich wollte...
Obwohl ich ein privateres Gespräch wollte, verlief es sich in Tratsch und Klatsch. In Witze-reißen über Hub und Gorm, im Zeigen meiner alten Fotos. Mir kams vor, ich veranstaltete einen Weiberklatsch, und war froh, daß Hub nicht dabei war. Ihr schien es aber zu gefallen. Sie schien interessanterweise die Nähe dadurch zu bekommen die sie wollte. Unabsichtlich plapperte ich dabei die Frage aus : „Hast du hier keine Freundinnen ?“, worauf sie zu lachen begann. Ich staunte darüber, weil ich die Frage eigentlich ernst meinte. Dann aber sagte sie : „ Was denkst du, daß wir auf einem Beautyfarm-Schiff sind ? Hey, wir sind auf einem Forschungsschiff .Das heißt : 10 Männer und drei Frauen ! Ausserdem sind sie ätzend. Sie jammern nur rum. Männer fluchen, das ist lustiger.“. Daraufhin mußt ich auch kurz lachen, und ich stimmte ihr zu. Sie hatte recht. Auf A5 war sie die einzige Frau. Und in anderen Forschungsräumen sah es nicht besser aus. In Kommando-Abteilen gabs mehr Frauen, weiß auch nicht warum. Die dort dachten wohl, das sei spannender. Wieso Jane jedoch gerade mit mir gerner zusammen war, als mit anderen Männern, wußt ich nicht. Es gab jüngere Männer als ich, es gab schönere, angesehenere, talentiertere, klügere, usw.. Ich könnte die Liste wohl ewig fortführen. Und ich meinte das nicht nur aus Pessimismus. Nein, es war klar : die besten Jahre hatte ich hinter mir. Sie Mitte Zwanziger, ich Mitte Vierziger. Nun gut, 43, dennoch alt genug, um ihr Vater zu sein. Sie hatte sicher noch eine große Karriere vor sich. Sie hatte auch den Ehrgeiz dazu. Ich aber durfte mich nicht blicken lassen vorm Forschungskomitee, solange ich nicht 1500 Verdienstpunkte vorzuweisen hätte. Und seit dem Unglück mit dem Teleskop war ich gerade mal bei der Hälfte heute. Das heißt, ich dürfte schon weit über 50 sein, bis ich soviel Punkte erreiche. Scheiß System. Egal. Die Nacht war schön. Schön und ruhig. Je später es wurde, desto weniger sprachen wir. Desto länger schauten wir uns an. Niemand von uns beiden traute sich wohl die wichtigen Worte in dem Augenblick zu sagen. Sie fühlte es aber, das mich am wenigsten meine Schüchternheit abhielt. Denn darüber war ich schon hinweg. Sie fühlte, das eine ganz andere Kraft im Spiel war. Kurz nach 23 Uhr, mußte sie gehen. Ich verstand das. Unwillkürlich griff ich nach ihrer Hand, als sie aufstand. Als wollte ich ihr was sagen. Als wollte ich sagen, daß wir das alles vergessen sollen, uns einfach ein Transportschiff nehmen sollen, und wegfliegen. Jetzt sofort ! Aber dann brach dieser Traum zusammen.Ich schaute sie nur hilflos an. Wohl schien es ihr so, als ob ich in dem Augenblick mehr sein wollte, als ich war. Sie aber lächelte mich warm an, beugte sich zu mir hin, während ich ihren warmen Atem ins Gesicht bekam, und gab mir einen Kuß auf die Wange. Ich ließ ihre Hand los, und verabschiedete mich von ihr. Das übliche halt : „Schlaf gut, und bis morgen.“. Sie antwortete mit einem etwas automatisch klingendem: „Ebenfalls.“, und schloß die Tür hinter sich. Ich legte mich kurz darauf schlafen. Nicht ohne an sie noch gedacht zu haben. Am besten wäre es aber wohl gewesen, wenn ich sie vergessen hätte. Ich richtete meinen Blick zum Fenster in die schwarze Leere. „Hilf mir, zu vergessen.“, sagte ich zur Schwärze, und fiel kurz darauf in den Schlaf.

„Neuigkeiten, Neuigkeiten...“, sagte Freeman, als er zur Tür reinkam. So wichtig waren sie wohl nicht, weil er nicht alle zusammenrief, sondern einfach in den Raum redete, und wer ihn hörte , hörte ihn, und wer nicht, nicht.
„Wir werden heute Nachmittag die Triebwerke starten, und näher ranfliegen. Mehrheitsbeschluß von allen Abteilungsleitern und Offizieren.“, sagte Freeman begeistert. Demnach hatte er wohl dafür gestimmt, näher an das blaue Flackern zu fliegen. Typisch Freeman. Der wollte sicher noch eine Null dazu, zu seinen Verdienstpunkten. Schließlich wäre er wesentlich beteiligt an der Inbetriebnahme dieses Zeitanomalie-Dingsbums. Mir wars egal. Ob ich hier meinen scheiß Job mache oder woanders. Zugegeben, langweilig sollte es nicht werden, aber ob nun näher fliegen oder nicht, würde an unserer Lage wohl auch nichts ändern. Das war meine Meinung. Egal, wenigstens hatte Freeman gute Laune. Und morgen dürfte er ja auch endlich seinen heißgeliebten Sensor einschalten. Das bedeutet wenigstens ein ruhiges Wochenende. Jane schien heute auch gut gelaunt zu sein. Wohl wollte sie mir zeigen, wie sehr ihr es gestern gefallen hatte. Ich dankte ihr dafür jedesmal mit einem kurzem unauffälligem Lächeln. Ich hätte sie gerne auch nach Dienstschluß wieder getroffen, aber sie hatte da irgendwas zu tun. Irgendwas mit der Verwaltung. Keine Ahnung. Also verkrümmelte ich mich nach einem langweiligen Tag von Datenauswertungen unserer Sensoren. Ich legte mich hin. Ich war wieder alleine. Hub war zum Glück selten in seinem Quartier. Plötzlich fühlte ich einen kleinen Ruck. Wie ein dumpfer Schlag, gefolgt von einem fernen tiefem Rauschen. Es war klar, daß Jack wohl den Befehl gab, näher ranzufliegen. Wir würden sicher nicht vor Übermorgen an unserem Zielpunkt ankommen. Jack war zwar ungeduldig und ehrgeizig, aber innerhalb dieser schlechten Eigenschaften auch sehr vorsichtig. Ich erinnere mich, als er mich einmal zur Weltraumakademie durch den Asteroidengürtel flog. Er machte es schnell, und wie ein Wilder. Erst später erfuhr ich, daß er die ungefährlichste Strecke gewählt hatte. Er war kein Draufgänger also, aber er erschien leicht so. Wahrscheinlich auch seinen Offizieren. Plötzlich erfüllte ein Zischen den Raum. Es war Hub.
„Komm, gehen wir einen Trinken, und hau’n wir uns unter die Weiber !“, sagte er, während er mit seiner glitschigen Hand nach mir griff.
„Ach, was solls, ok !“, sagte ich. Mir fiel sowieso nichts besseres ein. Immerhin war es leichter, sich mit Hub zu unterhalten, als mit irgendeinem anderen auf dem Schiff, den ich kannte. Er war unkompliziert, und das mochte ich an ihm. Keine tiefen Gefühle, die es zu hegen galt.
Ich verlor zum Glück nicht allzuoft beim Saufspiel, und so konnte ich mich noch torkelnd, an Hub, der irgendein trilarianisches Liedchen trällerte, stützen. Benommen vom Suff und mit Tunnelblick, erreichten wir unser Quartier und lachten über die anderen rum. Bei so Fortgängen waren wir ein gutes Team. Es gab einen, der verlor so oft, daß er sich zu den Vierfüssler zurückentwickelte. Wie der es wohl geschafft hat, in sein Quartier zu kommen. Vermutlich pennte er grad auf einem Gang , in der Nähe von Gorms Bar. Bis in einer der Sicherheit aufweckt, ihm eine Bevormundung gibt, und ihn in sein Quartier schleppt. Mit einer nachfolgenden Strafe natürlich. Die Gesetze waren schließlich auch soweit draussen im Nichts vorhanden. Eigenartig, wie loyal Menschen ihren Unterwerfern sein können.

„Hey...“, kam es von irgendwoher. „Hey, lebst du noch, Kumpel ?“, kam es wieder, mit einem Stoßer an meine Schulter. Langsam kam das Denken, und die Kopfschmerzen. „Was ?“, kam es von mir undeutlich.
„Es ist Mittag, Dan! “, kams von einer vertrauten Stimme. Ich riß meinen Kopf zur Quelle. Es waren Umriße. Ah, natürlich Hub. Was, Mittag ? Verdammt.
„Verdammt.“, kams von mir müde um meinen Gedanken Nachdruck zu verleihen. Der Kopf brummte, und alles war schwer an mir. Der typische „Kater-danach“. Verdammt. Freeman wird mir 5 Punkte abreißen, dieser Geier. Ich zog mich schnell an, und ging durch die Gänge, während ich mich anzog. Als ich bei A5 ankam, war ich halbwegs angezogen. Und machte die Tür auf. Steve, Jane, Cer, und ein paar andere, die im Raum arbeiteten, blickten mich an. Jane mußte unwillkürlich lachen. Vermutlich darüber wie zerzaust ich aussah. Ich ging schnell zu meiner Konsole, ohne weiters den Affen spielen zu wollen. Während ich den Computer einschaltete blickte ich mich um im Raum. Kein Freeman da.
„Wo ist Freeman ?“, fragte ich Jane. Sie antwortete ausnahmsweise mal schneller als Steve.
„Er ist ja bei seinem Sensor ! Dem Zeitanomalie-Sensor !“, sagte sie, noch immer mit einem kindlichen kichern.
„Öh, aja...“, kam es von mir. Spätestens da merkte wohl sie und Steve, daß ich einen Kater hatte, und die Nacht durchgemacht hatte. Wußte gar nicht, wann ich zu Bett ging. Egal.
„Am Nachmittag werden die ersten Daten von dem Sensor kommen, also aufgepasst.“, sagte Steve gelangweilt.
„Aja, ok.“, sagte ich ebenso gelangweilt.
„Übrigens weiß Freeman nicht, daß du spät dran bist. Fürs Maulhalten hab ich also was gut.“, ergänzte Steve sich schleimig.
„Jaja, klar.“, sagte ich beiläufig, während er mich darauf nur kurz schäbig anblickte.
Am Nachmittag gab Freeman über Funk noch ein paar Info’s durch, die sich wie immer der Schnellschreiber Cer notierte. Cer hätte wohl einen sehr guten Forscher abgegeben, wenn da nicht die Vorurteile gegen Klackons gewesen wären. Er arbeitete schon seit 20 Jahren bei uns Forschern, und er hatte viel weniger Verdienstpunkte als Steve. Obwohl Steve seinem Alter nach nicht einmal halb solang dabei war, wie Cer. Manchmal hatte ich so eine Art Mitleid mit Cer. Dann aber ekelte er mich mit seinen blöden Körperstellungen an, und ich bereute es, Mitleid gehabt zu haben. Er ist nur ein verdammter Klackon. So dachte vermutlich jeder Mensch, und ich schämte mich nicht, daß ich wie die Masse dachte. Immerhin hatten wir ja mal Krieg mit denen. Egal.
Als der Zeitanomalie-Sensor eingeschaltet wurde, standen wir alle gespannt um Cer, obwohl er die unübersichtlichste Konsole hatte. Aber immerhin wars die sauberste Konsole. Erst kamen die Initialisierungsdaten. Dann die Prüfsummen, und all dieser übliche Schnick-Schnack. Doch dann : Nullen. Nullen ! Nichts als Nullen ! Cer kümmerte das nicht. Er schaute weiter so gebannt in die Nullen, als wäre es in Wirklichkeit eine Zahlenreihe, in der sich Pi versteckt.
„Verdammt !“, schrie Steve. Jane und Karl waren still. Ich wiederrum lehnte mich gelangweilt an eine Stange.
„Wißt ihr, was dieser Müll heißt ?“, sagte Steve, ohne das ihn wirklich eine Antwort interessiert hätte. „Das heißt, wir können hier noch ein Jahr sitzen! Verdammt !“, fügte er dazu. Auch Cer wendete nun seinen Blick von den Nullen ab, und sagte tröstend : „Vielleicht ist der Sensor ja defekt ?“.
Jeder setzte ein müdes Lächeln auf. Die Prüfsummen, und all das weitere stimmten ja. Cer sah, daß er damit keinen Erfolg hatte. Immerhin ein gutgemeinter Versuch von diesem Viech.
Freeman sahen wir an dem Tag nicht. Er wußte wohl selbst um die Daten, die auf keine Zeitanomalie hindeuteten. Keine Raumanomalie. Keine Raumzeitanomalie. Gar nichts, nur Felder die wie unterschiedliche Kraftwirbeln waren. Und ein dummes blaues Flackern.
Kurz vor Dienstschluß sagte ich in die Runde : „Vielleicht ist das ganze ja nur eine Art Scherz von einer hochintelligenten Rasse ? So wie eine Art Rubikwürfel. Und sie lachen grad, wie wir uns anstellen.“. Obwohl ich das als Witz meinte, nahmen es einige im Raum für eine gute Idee. Darüber mußte ich wiederrum lachen und ging aus dem Raum. Heute wollt ich mal ausnahmsweise in den Lagerraum herumschlendern. Keine Ahnung wieso, aber da war ich bisher ganz selten. Aber ich wurde aufgehalten von Jack. Jack machte einen Gesichtsausdruck, als wußte er schon von dem Ergebnis des Sensors. Er war entmutigt. Das erste Mal, wo ich ihn entmutigt gesehen habe.
„Gehen wir einen Trinken ?“, sagte Jack, mit einer fast mitleidserweckenden Stimme.
„Ok.“, sagte ich. Er schien Gesellschaft irgendwie zu brauchen. Aber wir unterhielten uns nicht über Klatsch und Tratsch. Er befürchtete, daß es eine schlechte Idee war, näher an das Flackern ranzugehen. Und zwar, weil es, wie viele dachten, keinen Sinn bringen würde. Entweder man müßte soweit an das Flackern ran, wie die Sonden, oder es gleich bleiben lassen. Bis ihm ein weiteres Nähern bewilligt werden würde, würden wohl wieder viele Monate vergehen. Doch man hatte uns schon vergessen. Jack forderte, wie ich erfuhr, auch mehr Schiffe an, aber das Forschungskomitee verneinte. Wohl weil sie wußten, daß das auch nicht mehr bringen würde.
„Was hälst du davon, wenn ich mich nicht an unsere Bosse halten würde ?“, fragte er mich.
„Was meinst du ?“, fragte ich irritiert.
„Ich mein, wenn wir noch näher ranfliegen würden. Bei 5 Millionen Kilometer könnten wir uns sicher noch halten, und wir wären 3 mal näher, als jetzt !“, sagte er mit einer etwas verzweifelten Stimme. Er ahnte wohl, daß er keine Zustimmung von den anderen Offizieren bekommen würde.
„Ja, auf jeden Fall müßten die Führungsoffiziere auf deiner Seite sein.“, sagte ich, und fügte hinzu „und die Verwaltung, und die Sicherheit, und...“
„Ok, schon gut, hör auf.“, sagte er. In dem Augenblick bereute ich’s, daß ich seine Illusion so schnell kaputt gemacht hatte.
„Versuchs wie letztes Mal, mit den Offizieren und den Abteilungsleitern.“, ermutigte ich ihn.
„Du meinst eine Abstimmung ? Ich glaub nicht, daß da soviele auf meiner Seite wären.“, sagte er.
„Du mußt ja nicht gleich sagen, du willst 5 Millionen Kilometer ran. Gib ihnen eine Auswahl. Verdammt, wir sind weit entfernt vom Forschungskomitee. Viele haben schon vergessen, daß es überhaupt eins gibt.“, sagte ich störrisch. Daraufhin bekam er ein leichtes mutiges Lächeln, während er in sein Glas blickte. Ich sah es ihm an, daß er meine Idee wert fand, durchdacht zu werden.
„Gut, ich versuche es. Scheiß auf’s Komitee !“, sagte er mit einem Anflug von Freude. Trotzdem klangen fluchende Worte von ihm ungewöhnlich, wenn er sie in seiner Uniform von sich gab. Aber solange es nur Gorm und ein paar herumlungernde Arbeiter hörten, war es nicht so schlimm. Wir standen auf und gingen noch einige Zeit in den Gängen rum. Ab und zu ging er auf die Brücke, um einige abschließenden Befehle zu geben, dann kam er wieder zu mir, und wir plauderten über alles mögliche aus unserer Vergangenheit.

Jack hatte es durchgesetzt näher ranzufliegen. Es war zwar einige Zeit an Überredungsarbeit notwendig, aber das war noch immer weniger Arbeit, als das Komitee zu überzeugen. Er hatte nur knapp gewonnen – viel knapper als davor, aber die Mehrheit zählte. Ich hatte gerade meinen freien Tag. Also ging ich auf die Brücke, um zu sehen, was sich tut. Das blaue Flackern war viel größer geworden. Wir waren nah dran.
„Wieviel ?“, fragte Jack.
„8 Millionen Kilometer, Captain“, sagte ein Fähnrich.
„Gut, drosseln auf Viertel Schub , wir wollen ganz langsam ran. Wie stehts mit den Turbulenzen ?“, fragte er, und blickte nach links.
„Keine Turbulenzen, Captain“, sagte ein anderer Offizier.
Daraufhin versank Jack in seinem gemütlichen Stuhl, hinter seinem Pult. Cer war sicher noch an seiner Konsole, und blickte noch immer die Nullen an, die der noch immer eingeschaltete Zeitanomalie-Sensor von sich spuckte. Zumindest war es noch vor einigen Stunden so. Und wären es keine Nullen, würde Cer es sicher schon Freeman gemeldet haben, und dieser hätt’s der Brücke schon gemeldet. Ich stand noch vielleicht 2, 3 Stunden da, und beobachtete das Flackern. Es war wie zu einer Hypnose geworden für mich, obwohl es nicht regelmäßig war. Vermutlich konnte ich deswegen so sehr die Zeit vergessen. Mich wunderte etwas, wie Jack da auf Dauer wach bleiben konnte. Vermutlich hatte er das aber in seiner Ausbildung gelernt.
„Was ist das da !!“, schrie Jack, und ich wachte aus meinem Tagtraum auf.
„Keine Ahnung, wirkt metallisch.“, sagte der Major.
„Sofort Schub zurück – Stillstand – wieviel ?“, fragte Jack. Obwohl er in Stichwörtern sprach, verstand ihn offenbar jeder Offizier.
„Schub zurück – Stillstand. Sieben Komma Fünf Millionen Kilometer, Captain.“, sagte der Fähnrich.
Wir standen still, und nun sah ich es auch. Ein sehr dunkelgrau schimmerndes Stück Metall in der Ferne, das stillstand, oder sich bewegte. Keine Ahnung.
„Können wir es orten ?“, fragte der Captain.
„Ja, es ist 13 Millionen Kilometer auf 1 Uhr 20 . Und es bewegt sich auf uns zu. Beschleunigung: 4 G – momentane Geschwindigkeit 120 km/h“, sagte der Fähnrich.
„Ausmaße ?“, fragte wieder der Captain.
„Ehm...ääh... 3,6 Kilometer lang, 1200 Meter breit, und 400 Meter Tief !“, sagte der Major verblüfft.
„Also ein Forschungsschiff ist es sicher nicht... auf jeden Fall hat es uns bald eingeholt, und es scheint nicht, als ob es uns „Hallo“ sagen will.“, sagte der 1. Offizier, und Jack stimmte ihm zu.
„Wieviel Zeit ?“, fragte Jack ungeduldig.
„14 Minuten bei gegenwärtiger Beschleunigung.“, sagte der Fähnrich.
„Gut, vollen Schub in diametraler Richtung !“, befahl Jack, „dadurch gewinnen wir wenigstens Zeit, optische Scanner bei Reichweite an – die übrigen Scanner bei entsprechender Nähe.“, fügte er hinzu. Ich ging zu Jack, als er weniger zu tun hatte, und fragte ihn, wieviel Zeit wir nun hätten.
„Wir können nur mit 2 G beschleunigen. Mehr verkraften unsere Trägheitsdämpfer nicht. Dadurch dürften wir ungefähr 25 Minuten gewinnen. Vielleicht sogar weniger.“, sagte er.
„Und ein Warpsprung ?“, fragte ich. Worauf er fast zu lachen begann.
„Dafür brauchen wir über eine Stunde Ladezeit. Das schaffen wir nicht.“, sagte er und wurde unterbrochen...
„Captain, da passiert was !“, sagte der Fähnrich, worauf Jack den Blick reflexartig zum Bildschirm drehte. Ich sah es auch. Ein oranges Flimmern ging vom metallischem Objekt aus, das wahrscheinlich ein Raumschiff war. Es breitete sich radial vom Schiff aus, mit einer großen Geschwindigkeit.
„Was ist das ?“, fragte der Captain.
„Eine Art elektrisches Kraftfeld, sagen die Sensoren. Es wird uns in 10 Minuten umfangen haben.“, sagte der Fähnrich.
„Wirkung ?“, fragte Jack den Major, welcher wie verrückt seine Konsole las und herumtippte.
„Es wird all unsere Systeme lahmlegen, wenn wir es berühren werden. Wir werden nicht einmal Licht haben. Gravitation und Lebenserhaltung sowieso nicht.“, sagte der Major bestürzt und hektisch. Währenddessen summte mein Rufer. A5 brauchte mich offenbar, also rannte ich schnell zu meiner Station.
Freeman erwartete mich. Sie alle waren da und schienen von unserer Situation bescheid zu wissen. Alle ausser Cer waren sichtlich bemüht die Panik zu unterdrücken.
„Houston, sie wissen hoffentlich bescheid um die Lage.“, sagte Freeman besorgt.
„Ja, Sir.“, entgegnete ich ihm.
„Cer unser kleiner Arbeitsfanatiker, hat etwas erstaunliches gefunden, Cer, bitte:“, sagte Freeman. Wie gewohnt übergab er das Wort immer anderen, weil er keine Mühe mit Reden auf sich nehmen wollte. Schließlich war er ja in einer leitenden Position. Leitend klang gut. Vielleicht hätte er ja den Schirm des fremden Schiffes desintegrieren können, wenn er rausgeschmissen wäre...
„Ihr wundert euch vielleicht, warum es nur Nullen gab, vom Sensor.“, fing Cer an.
„Nein wir wundern uns nicht, wir wußten, daß der Zeitanomalie-Sensor keine Ergebnisse spucken würde.“, sagte Steve besserwisserisch.
„Ja, das ist ein Irrtum.“, sagte Cer und erläuterte : „..die Funktionsweise des Zeitanomalie-Sensors besteht darin, sich an ein temporär verändertes Feld heranzutasten. Er macht es, wie eine Hand, wenn sie etwas ertasten will. Greift ihr zu einer Flasche, formt sich eure Hand zur Flasche, und ihr könnt ihre Oberfläche ertasten. Genauso ist beim Sensor. Im Grunde hat sich der Sensor an etwas angepasst, welches aber keine Zeit, sondern etwas anderes war. Ich denke, ich lag mit meiner These der Raumanomalie richtig. Es ist, wie ich vermutete keine Zeitbedingheit anzutreffen. Der Sensor nahm etwas wahr, jedoch keine Zeitanomalie. Deswegen waren die Ergebnisse immer Null.“
„Neunmalklug.“, kam es von Steve, der Cer damit ausspotten wollte. Der Klackon aber machte wieder mal seine Kopfstellung, und verstand nicht, wie Steve es meinte.
„Verdammt, dieser Cer geht mir schon auf den Sack !“, sagte Steve, und ging zu seinem Platz wieder. Cer blickte ihm fragend nach. Auch ich wußte, was Steve dachte. Cer sah es mir an, und fragte mich.
„Cer, das ist zwar gut, daß du eine Erklärung gesucht hast, aber es kann doch auch ebenso sein, daß es wirklich absolut keine Raumanomalie gibt! Komm Cer, die Theorie ist ja gut – aber ebenso gut wie die, daß ich sag’, daß das blaue Flackern einfach von dem unbekannten Schiff das wir vor uns haben, ausgeht. Verstehst du? Keine Beweise. Deine Theorie ist nur widerspruchsfrei. Das ist alles. Aber du hast keine Beweise. Verdammt...“, sagte ich etwas demotiviert. Ich ging auch auf meinen Platz. Cer setzte sich wieder auf seinen Platz, und stöberte in seinen Unterlagen. Freeman wiederrum schämte sich, daß er Cer einfach so naiv glaubte.
Es war nun still. Wir blickten durch die Fenster ins All. Das orange Kraftfeld nahm fast alles schon ein, was wir überblicken konnten. Cer blickte ebenfalls hinaus. Das wußte ich zwar nicht, aber ich fühlte es. Er stöberte nicht mehr in seinen Unterlagen. Ich blickte zu Jane. Viele schöne Tage hatte sie mir in letzter Zeit geschenkt. Wer weiß, vielleicht hätte sogar was werden können aus uns. Ich war manchmal schon nah dran, ihr Alter, ihre Karriere zu vergessen, und es einfach zu versuchen. Sie vielleicht auch. Unsere Blicke ähnelten einander. Eine Art von Enttäuschung lag in diesen Blicken. Enttäuscht, das wir die Tage hier am Schiff so blöde nutzten.
„Jack bekommt keine Antwort.“, klärte uns Freeman von den Kommunikationsversuchen mit dem unbekannten Schiff, auf.
„Natürlich nicht, scheiße Mann, wir dürften gar nicht hier sein. Das ist sicher so ein verdammter heiliger Ort für irgendeine schleimige Rasse !“, sagte Steve wütend. Cer lachte darüber. Er nahm das wohl als Witz. Danach aber nahm er wieder sein Wühlen in den Unterlagen auf.
Plötzlich schrie Cer auf, und jeder blickte zu ihm. Es war ein klackonischer Aufschrei, den ich noch nicht kannte. Aber von seiner Pose her schaute es so aus, als ob er gerade soetwas wie einen Triumph hatte.

  
Harry Potter und der Halbblutprinz. Band 6. Frühstücksausgabe.
von J.K. Rowling,
Klaus Fritz
Siehe auch:
Harry Potter and the Half-Blood Prince (Harry Potter 6)
von J.K. Rowling
Tintenblut
von Cornelia Funke
Harry Potter und der Orden des Phönix. Bd.5.
von Joanne K. Rowling
Harry Potter und der Halbblutprinz. Band 6
von J.K. Rowling, Klaus Fritz (Übersetzer)
 
   
 
     

This web site is a part of the project StudyPaper.com.
We are grateful to Edmond Pollak for contributing this article.

Back to the topic site:
StudyPaper.com/Startseite/Gesellschaft/Kultur/Kunst/Literatur

External Links to this site are permitted without prior consent.
   
  deutsch  |  Set bookmark  |  Send a friend a link  |  Copyright ©  |  Impressum